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Medizinisches Cannabis bei Multipler Sklerose | GH Academy

Medizinisches Cannabis bei Multipler Sklerose | GH Academy

Key Facts: Medizinisches Cannabis bei Multipler Sklerose

  • Multiple Sklerose ist eine Autoimmunerkrankung und kann zu vielfältigen Symptomen führen, darunter Schmerzen, Muskelspastizität und Schlafstörungen.
  • Endocannabinoide spielen eine wichtige Rolle bei der Regulation von Schmerzempfinden und Entzündungen und können so typische MS-Symptome lindern.
  • Die Anwendung von medizinischem Cannabis zeigt großes Potenzial als alternative oder ergänzende Therapieoption für Menschen mit MS, aufgrund ihrer Wirksamkeit und geringeren Nebenwirkungen im Vergleich zu herkömmlichen Medikamenten.
  • Studien deuten darauf hin, dass medizinisches Cannabis positive Auswirkungen auf das Wohlbefinden und die Symptome von MS-Patienten haben kann.

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronische Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS) und wird durch einen Autoimmunangriff auf das Gehirn und das Rückenmark verursacht. Dabei spielen sowohl genetische als auch umweltbedingte Faktoren eine Rolle. Weltweit sind ca. 1,8 Millionen Menschen von MS betroffen. Darunter zählen vor allem Frauen und junge Erwachsene. Die Symptome können von Person zu Person stark variieren, abhängig vom Schweregrad und Lokalisation der geschädigten Nervenfasern1

Betroffene berichten über eine Vielzahl an Symptomen, darunter Sehstörungen, Schwierigkeiten beim Gehen und Gleichgewichtsstörungen, Müdigkeit sowie Muskelverspannungen und Schmerzen. Typische Begleiterscheinungen sind auch Taubheitsgefühle oder Schwäche in den Armen und Beinen. Die damit einhergehende Beeinträchtigung der Lebensqualität sowie Veränderungen in der Hirnstruktur führen außerdem häufig dazu, dass MS-Patient:innen unter Depressionen leiden1. Vor allem zu Beginn der Erkrankung äußern sich die typischen Symptome in Schüben, welche in der Regel durch die Verabreichung mit Steroiden behandelt werden2. Auch Insomnie ist eine häufige Beschwerde bei Erwachsenen mit MS. Basierend auf einer Meta-Analyse, welche innerhalb von 34 Studien insgesamt 7636 Teilnehmende einschloss, gab jede:r Zweite Symptome von schlechter Schlafqualität und Tagesschläfrigkeit an3.

Eine frühzeitige Diagnose mittels Magnetresonanztomografie (MRT), sowie konsequenter medikamentöser Behandlung zur Linderung von MS-Symptomen können den Krankheitsverlauf abschwächen und damit die Lebensqualität von MS-Patient:innen verbessern. Besonders bewährt haben sich anti-inflammatorische Therapiemethoden, wie die B-Zell-Therapie, welche die Entzündungen im Körper und damit auch die Progression der Krankheit erfolgreich unterdrücken kann. Obwohl sich die Behandlungsmöglichkeiten für MS verbessert haben, ist eine vollständige Heilung noch nicht möglich4.

Auf der Suche nach neuen Therapiemethoden wird in aktuellen Forschungen das therapeutische Potenzial von medizinischem Cannabis zur Behandlung spezifischer MS-Symptome untersucht. Die Verwendung von Cannabis ist mittlerweile weit verbreitet und gilt als -alternative oder begleitend bzw. ergänzende Therapie für Menschen mit MS5.

Rolle des Endocannabinoidsystems bei MS

Das körpereigene Endocannabinoidsystem ist an zahlreichen Steuerungsprozessen im Körper beteiligt, darunter Schmerzempfinden und Entzündungen. Bei Bedarf ist der Organismus in der Lage, verschiedene körpereigene Cannabinoide (Endocannabinoide) selbst zu produzieren, welche den Cannabinoiden aus dem Medizinalcannabis sehr ähnlich sind.

Bei Multipler Sklerose werden vom Körper zu viele Botenstoffe wie Serotonin oder GABA freigesetzt, welche wichtige Körperfunktionen beeinträchtigen, und damit typische MS-Symptome hervorrufen. Endocannabinoide regulieren diese Ausschüttung, schützen die überlasteten Nervenzellen und verringern damit Schäden an den Nervenfasern sowie das Absterben wichtiger Gehirnzellen, welche die fehlerhaften Reaktionen im Körper auslösen6.

MS-Patient:innen können erhöhte Spiegel von Endocannabinoiden wie Anandamid und 2-AG (2-Arachidonoylglycerol) aufweisen. Dies könnte eine Reaktion auf Entzündungen oder neuronale Schäden sein, da diese Moleküle an entzündungshemmenden Prozessen beteiligt sind 7.

Zudem kann die Expression von Cannabinoid-Rezeptoren, insbesondere CB2, bei MS-Patient:innen erhöht sein. Dies könnte eine Reaktion des Immunsystems auf Entzündungen sein, da CB2-Rezeptoren hauptsächlich in Immunzellen zu finden sind8.

Aufgrund dieser Veränderungen wird das Endocannabinoid-System als potenzielles therapeutisches Ziel bei MS erforscht. Phytocannabinoide (THC und CBD) aus der Cannabispflanze, die ebenfalls das körpereigene Endocannabinoid-System modulieren, könnten helfen, Symptome wie Muskelspastizität und Entzündungen zu lindern. Darüber hinaus haben Cannabinoide schmerzlindernde Eigenschaften, indem sie die Weiterleitung von Schmerzsignalen hemmen können6.

Aktuelle Studienlage

Klinischen Studien zufolge kann medizinisches Cannabis positive Auswirkungen auf das Wohlbefinden und den Gesundheitszustand von MS-Patient:innen haben. Dabei zeigte die Evidenz aus acht Studien bei 1215 Personen eine starke bis sehr starke Verbesserung des Wohlbefindens. Darüber hinaus konnte von den insgesamt 2290 Probant:innen aus 25 klinischen Studien durch die Verwendung von Cannabinoiden im Vergleich zu Placebo eine erhebliche Reduktion von Muskelverkrampfungen festgestellt werden. Es ist wichtig zu beachten, dass bei der Anwendung von Cannabinoiden auch Nebenwirkungen auftreten können. So kam es innerhalb von 21 der 25 Studien zu vereinzelten Therapieabbrüchen aufgrund von unerwünschten Effekten10.

Im Rahmen weiterer klinischen Studien wurde sich mit der Wirksamkeit von medizinischem Cannabis bei der Behandlung typischer MS-Symptome beschäftigt. Forschende fanden heraus, dass die Verabreichung von Cannabinoiden durch orale Einnahme, und insbesondere auch durch das oromukosale Spray Nabiximols deutliche Verbesserungen von Spastik, Schmerzen und Lebensqualität bei guter Verträglichkeit aufzeigte11. In einer der klinischen Studien führte die Verwendung von Nabiximols sogar zu einer Halbierung des mittleren Schweregrads in Spastizität und Schmerzen unter allen Probant:innen12. Darüber hinaus konnten signifikante Verbesserungen beim Gehen und Halten des Gleichgewichts beobachtet werden13.

Im Rahmen einer quantitativen Studie wurden 115 MS-Patient:innen in Form eines Fragebogens mit 36 Fragen über verschiedene Aspekte ihres Cannabiskonsums befragt. Alle Befragten wurden in einer Klinik für MS in Connecticut behandelt und waren Teil des Connecticut Medical Marijuana Programs (CTMMP). Die Teilnehmenden berichteten über signifikante Vorteile von Cannabis bei Stimmungsstörungen, Schlaflosigkeit, Schmerzen und Muskelkrämpfen. Ein erheblicher Anteil der Befragten gab außerdem an, ihren Gebrauch von verschreibungspflichtigen Medikamenten wie Antidepressiva, Opioide und Benzodiazepine aufgrund der Wirksamkeit von medizinischem Cannabis reduziert oder gar ersetzt zu haben14.

In einer qualitativen Studie bei MS-Patient:innen in Kanada wurden Schlafprobleme (84,2 %), Schmerzen (80,0 %) und Spastizität (68,4 %) als die häufigsten Gründe für die Verwendung von medizinischem Cannabis angegeben. Dabei gaben 80 % der Befragten an, dass die Behandlung mit medizinischem Cannabis wirksam bis sehr wirksam sei. Obwohl Nebenwirkungen wie Schläfrigkeit (57,2 %) und Konzentrationsschwierigkeiten (28,4 %) unter den Befragten am meisten berichtet wurden, stuften weniger als 20 % diese Wirkungen als "häufig" ein. Die Nebenwirkungen wurden im Allgemeinen nicht als schwerwiegend eingestuft und auch nicht als Hauptgrund für das Absetzen von medizinischem Cannabis genannt15.

In einer weiteren prospektiven Beobachtungsstudie wurden 28 MS-Patient:innen mit medizinischen Cannabisölen (THC-reiche, CBD-reiche und THC + CBD-Kombinationsprodukte) behandelt und vier Wochen lang begleitet. Dabei wurden mittlere Dosen von THC und CBD mit jeweils 4,0 mg und 7,0 mg als einmalige Dosis am Abend verabreicht. Die Behandlung mit medizinischen Cannabisölen stellte sich als sicher und gut verträglich heraus und führte unter den Studienteilnehmenden zu einer Verringerung der Schmerzintensität (NRS-Wert von 7 auf 4), Spastik (NRS-Wert von 6 auf 2,5) und Schlafstörungen (NRS-Wert von 7 auf 3). Dabei wurden keine Beeinträchtigungen der Gehfähigkeit, Geschicklichkeit oder Verarbeitungsgeschwindigkeit beobachtet. Während der Behandlung mit 10-25 mg/ml THC berichteten die Studienteilnehmenden leichte bis mäßige Schläfrigkeit, Schwindel und Übelkeit16.

Fazit

Multiple Sklerose ist eine weit verbreitete neurologische Autoimmunerkrankung, welche durch die Beschädigung der Nervenfasern im ZNS zu verschiedenen Symptomen wie Muskelverkrampfungen, Schmerzen und Gleichgewichtsstörungen führt und damit die Lebensqualität der Betroffenen massiv beeinträchtigen. Die aktuellen Therapiemethoden, wie die B-Zell Therapie, Opioide oder Benzodiazepine können zwar die typischen MS-assoziierten Symptome lindern, jedoch nicht heilen.

Fortschritte in der Cannabinoidtherapie deuten darauf hin, dass medizinisches Cannabis positive Auswirkungen auf das Wohlbefinden und den Gesundheitszustand von MS-Patient:innen haben kann, indem es Schmerzen, Muskelkrämpfe und Schlafstörungen signifikant reduzieren kann. Dabei zeigte insbesondere die Anwendung von Nabiximols deutliche Verbesserungen der Symptome. Darüber hinaus wurden medizinische Cannabisölen als sichere und gut verträgliche Behandlung eingestuft, ohne die Gehfähigkeit, Geschicklichkeit oder Verarbeitungsgeschwindigkeit zu beeinträchtigen. Obwohl Nebenwirkungen auftreten können, wurden sie im Allgemeinen nicht als schwerwiegend betrachtet. Angesichts der Wirksamkeit und der geringeren Nebenwirkungen im Vergleich zu herkömmlichen MS-Medikamenten zeigt die Anwendung von medizinischem Cannabis ein großes Potenzial als alternative oder ergänzende Therapieoption für Menschen mit MS.

Weitere Forschungen sind notwendig um den medizinischen Nutzen von Cannabis bei MS Patient:innen nachzuweisen. Zukünftige Studien sollten direkte Vergleiche zwischen herkömmlichen MS-Medikamenten und der Therapie mit Cannabinoid-haltigen Arzneimitteln durchführen, um das Potenzial von medizinischem Cannabis zur Behandlung von MS genauer zu untersuchen.

Quellen

1 World Health Organization (2023): Multiple sclerosis. Verfügbar unter: https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/multiple-sclerosis. Abgerufen: 23.04.2024 

2 Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e.V. (2020): Schübe bei MS: Häufigkeit und Therapie. Verfügbar unter: https://www.dmsg.de/multiple-sklerose/ms-erforschen/grafiken-des-quartals/monats/berichte-zu-grafiken-des-quartals/monats/schuebe-bei-ms-haeufigkeit-und-therapie. Abgerufen: 23.04.2024 

3 Zeng X, Dorstyn D, Edwards G, Kneebone I. The prevalence of insomnia in multiple sclerosis: A meta-analysis. Sleep Medicine Reviews. 2023 Dec 1;72:101842. 

4 Korsukewitz C, Mäurer M, Wiendl H. MS-Versorgung heute und Vision für die Zukunft - eine Rolle für die ASV? NeuroTransmitter. 2022;33(12):32–7. 

5 Multiple Sklerose Gesellschaft Wien (2021): Therapeutisches Potenzial von Cannabis in der Medizin. Verfügbar unter: https://www.msges.at/2021/12/therapeutisches-potenzial-von-cannabis/#:~:text=Der%20Substanz%20CBD%20wird%20aus,Epilepsie%20und%20spastischer%20L%C3%A4hmungen%20zugelassen. Abgerufen: 07.05.2024 

6 Schweizerische Multiple Sklerose Gesellschaft. Cannabinoide in der symptomatischen Behandlung der MS. Verfügbar unter: https://www.multiplesklerose.ch/de/aktuelles/detail/cannabinoide-in-der-symptomatischen-behandlung-der-ms/ Stand: 25.04.2017. Abgerufen: 23.04.2024 

7 Russo EB. Clinical Endocannabinoid Deficiency Reconsidered: Current Research Supports the Theory in Migraine, Fibromyalgia, Irritable Bowel, and Other Treatment-Resistant Syndromes. Cannabis Cannabinoid Res. 2016 Jul 1;1(1):154-165. 

8 Nouh RA, Kamal A, Oyewole O, Abbas WA, Abib B, Omar A, Mansour ST, Abdelnaser A. Unveiling the Potential of Cannabinoids in Multiple Sclerosis and the Dawn of Nano-Cannabinoid Medicine. Pharmaceutics. 2024 Feb 7;16(2):241. 

10 Filippini G, Minozzi S, Borrelli F, Cinquini M, Dwan K. Cannabis and cannabinoids for symptomatic treatment for people with multiple sclerosis. Cochrane Database Syst Rev. 2022 May 5;5(5):CD013444.  

11 Haddad F, Dokmak G, Karaman R. The Efficacy of Cannabis on Multiple Sclerosis-Related Symptoms. Life (Basel). 2022 May 5;12(5):682. 

12 Meuth, S.G. et al. (2020). ‘Tetrahydrocannabinol and Cannabidiol Oromucosal spray in resistant multiple sclerosis spasticity: Consistency of response across subgroups from the savant randomized clinical trial’, International Journal of Neuroscience, 130(12), pp. 1199–1205. 

13 De Blasiis, P., Siani, M. F., Fullin, A., Sansone, M., Melone, M. A. B., Sampaolo, S., Signoriello, E., & Lus, G. (2021). Short and long term effects of Nabiximols on balance and walking assessed by 3D-gait analysis in people with Multiple Sclerosis and spasticity. Multiple sclerosis and related disorders, 51, 102805. 

14 Guarnaccia JB, Khan A, Ayettey R, Treu JA, Comerford B, Njike VY. Patterns of Medical Cannabis Use among Patients Diagnosed with Multiple Sclerosis. Mult Scler Relat Disord. 2021 May;50:102830. 

15 Santarossa TM, So R, Smyth DP, Gustavsen DS, Tsuyuki DRT. Medical cannabis use in Canadians with multiple sclerosis. Mult Scler Relat Disord. 2022 Mar;59:103638. 

16 S G, Hb S, K L, R T, Bs R, Ps S, F S, Ab O. Safety and efficacy of low-dose medical cannabis oils in multiple sclerosis. Mult Scler Relat Disord. 2021 Feb;48:102708.

Autor: Dr. Nadine Herwig
Dr. Nadine Herwig - Leiterin Grünhorn Academy
Dr. Nadine Herwig studierte von 2006 bis 2010 Angewandte Naturwissenschaften an der Technischen Universität Bergakademie Freiberg. Ihre Promotion führte sie am Helmholtz-Zentrum in Dresden-Rossendorf am Institut für Radiopharmazie durch. Zu ihren bislang publizierten wissenschaftlichen Arbeiten gehören u. a. Originalartikel auf dem Gebiet der Hautkrebsforschung und der Biomarker.