Medizinisches Cannabis und Schlafstörungen

Key Facts: Medizinisches Cannabis als alternatives Mittel gegen Schlafstörungen: Wirksamkeit, Anwendung und Vorteile

  • Medizinisches Cannabis kann durch Schlafstörungen bedingte Symptome lindern. THC und CBD interagieren mit dem Endocannabinoid-System des Körpers, das u.a. Schlaf und Stimmung reguliert.
  • THC ist psychoaktiv und fördert den Schlaf, kann aber bei hohen Dosen Angst und Paranoia auslösen.
  • CBD ist nicht psychoaktiv, hat beruhigende Eigenschaften und verbessert die Schlafqualität ohne negative Nebenwirkungen von THC.
  • Studien zeigen, dass Cannabisextrakte (THC und CBD) bei Insomnie-Patient:innen die Schlafqualität und -dauer signifikant verbessern kann.
  • Medizinisches Cannabis wird individuell dosiert, oft mit niedrigen THC- und höheren CBD-Dosen, um sedative Effekte zu nutzen und Nebenwirkungen zu minimieren.

Insomnie, oder Schlaflosigkeit, betrifft Millionen von Menschen weltweit und kann erheblich die Lebensqualität beeinträchtigen. Traditionelle Behandlungsansätze umfassen oft pharmakologische und verhaltensbezogene Therapien. Medikamentöse Ansätze haben zum Teil eine Reihe von Einschränkungen und Nebenwirkungen, die von Abhängigkeit und Toleranzentwicklung bis hin zu unangenehmen körperlichen Nebenwirkungen reichen können. Daher ist in den letzten Jahren das Interesse an medizinischem Cannabis als alternative Behandlungsmethode für Insomnie gewachsen.

Cannabis zur alternativen Behandlung von Schlafstörungen

Cannabis enthält verschiedene Cannabinoide, von denen die beiden bekanntesten Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) sind. Diese Cannabinoide interagieren mit dem Endocannabinoid-System des Körpers, das u.a. eine Rolle bei der Regulation von Schlaf, Stimmung und anderen physiologischen Prozessen spielt.

  • THC ist psychoaktiv und hat sedative Eigenschaften, die bei der Förderung des Schlafes helfen können. Allerdings kann eine hohe Dosierung von THC auch negative Effekte wie Angst und Paranoia auslösen.
  • CBD ist nicht psychoaktiv und hat beruhigende und angstlösende Eigenschaften, die zur Verbesserung der Schlafqualität beitragen können, ohne die negativen Nebenwirkungen von THC.

Evidenzlage und Studien

Die Forschung zu medizinischem Cannabis und Insomnie steht noch am Anfang, aber es gibt bereits einige vielversprechende Studien:

Eine randomisierte, doppelblinde, Placebo-kontrollierte 6-Wochen-Crossover-Studie untersuchte anhand von 29 Teilnehmer:innen die Verträglichkeit und Wirksamkeit eines medizinischen Cannabisöls (10 mg/ml THC und 15 mg/ml CBD) bei Erwachsenen mit Insomnie [1]. Die Teilnehmenden erhielten zufällig über einen Zeitraum von zwei Wochen entweder ein Placebo oder das aktive Öl. Das Cannabisöl wurde allgemein gut vertragen und verbesserte den Schlaf signifikant. Am Ende der zweiwöchigen Interventionsperiode wurden 60 % der Teilnehmenden nicht mehr als klinische Insomnie-Patient:innen eingestuft. Die Mitternachts-Melatoninspiegel verbesserten sich in der aktiven Gruppe um 30 % im Vergleich zu einem Rückgang von 20 % in der Placebo-Gruppe. Das Cannabisöl verbesserte sowohl die Schlafdauer als auch die Schlafqualität, wobei insbesondere der leichte Schlaf um 21 Minuten pro Nacht im Vergleich zu Placebo zunahm. Die Schlafqualität insgesamt verbesserte sich in der aktiven Gruppe um bis zu 80 %, einschließlich einer höheren täglichen Funktionsfähigkeit.

Zu sehr ähnlichen Ergebnissen kam eine australische Studie: Bei Personen mit chronischer Insomnie wurde die Wirksamkeit eines nächtlichen sublingualen Cannabisextrakts über zwei Wochen untersucht [2]. 23 von 24 Teilnehmenden (Durchschnittsalter 53 Jahre) schlossen die Studie ab. Der Cannabisextrakt verringerte die Insomnie-Symptome signifikant und verbesserte die selbstberichtete Gesamtschlafzeit, Schlafqualität und das Erholungsgefühl beim Aufwachen im Vergleich zu Placebo. Zudem verringerten sich die Wachzeiten nach dem Einschlafen und erhöhte sich die Schlafeffizienz. Es wurden keine schwerwiegenden unerwünschten Ereignisse gemeldet.

Eine weitere Studie untersuchte die Wirksamkeit von 150 mg CBD 60 Minuten vor dem Schlafen im Vergleich zu Placebo als Schlafhilfe bei primärer Insomnie [3]. Die Ergebnisse zeigten, dass die Schwere der Insomnie, selbstberichtete Einschlaflatenz, Schlafeffizienz und Wachzeiten nach dem Einschlafen sich nicht signifikant zwischen den Behandlungen unterschieden. Im Vergleich zu Placebo berichtete die CBD-Gruppe jedoch von einem höheren Wohlbefinden während der gesamten Studie und zeigte nach zwei Wochen eine bessere objektive Schlafeffizienz. Die Forschenden schlussfolgerten, dass die nächtliche Einnahme von 150 mg CBD hinsichtlich der meisten Schlafparameter ähnliche Ergebnisse wie das Placebo zeigt, aber zu einem größeren Wohlbefinden führt.

Eine große retrospektive Fallserie in einer psychiatrischen Klinik beinhaltete die klinische Anwendung von CBD bei Angst- und Schlafbeschwerden als Ergänzung zur üblichen Behandlung [4]. Die Untersuchung umfasste 72 Erwachsene, die in erster Linie unter Angstzuständen (n = 47) oder schlechtem Schlaf (n = 25) litten. Bei 57 Patient:innen (79,2 %) gingen die Angstwerte innerhalb des ersten Monats zurück und blieben während der Studiendauer unverändert. Die Schlafwerte verbesserten sich innerhalb des ersten Monats bei 48 Patient:innen (66,7 %), schwankten jedoch im Laufe der Zeit.

Die systematische Übersichtsarbeit von Babson und Kollegen fand heraus, dass CBD zudem das Potenzial hat, den REM-Schlaf zu verbessern und Albträume bei Patient:innen mit posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) zu reduzieren, was indirekt die Schlafqualität verbessern kann [5].

Eine Untersuchung aus dem Jahr 2020 zeigte, dass eine Kombination aus THC und CBD die Schlaflatenz (Zeit bis zum Einschlafen) bei Patient:innen mit chronischer Insomnie reduzieren kann [6].

Eine randomisierte kontrollierte Studie einer amerikanischen Forschungsgruppe an der University of New Mexico in Albuquerque deutete darauf hin, dass Cannabis-Produkte insgesamt eine signifikante Verbesserung der Schlafqualität und -dauer bei Patient:innen mit Schlafstörungen bewirken können [7].

Anwendung und Dosierung

Die Anwendung von medizinischem Cannabis zur Behandlung von Insomnie sollte individuell angepasst werden. Es gibt verschiedene Darreichungsformen wie Öle und Kapseln zur oralen Einnahme sowie Blüten zum Inhalieren. Die Dosierung variiert je nach individuellem Bedarf und Toleranz.

Als erster Ansatz werden oft niedrige Dosen von THC und höhere Dosen von CBD gewählt, um die sedativen Effekte ohne starke psychoaktive Nebenwirkungen zu nutzen.

Insbesondere Kombinationsprodukte, die sowohl THC als auch CBD enthalten, können synergistische Effekte haben, die die Schlafqualität verbessern.

Insbesondere als Alternative zu herkömmlichen Schlafmitteln bieten Vollspektrumextrakte eine mögliche Alternative zur Verbesserung der Schlafqualität und Schlaflatenz. Wir stellen in unserem hauseigenen Labor entsprechend der ärztlichen Verordnung hochwertige Extrakte mit verschiedenen THC- bzw. CBD-Konzentrationen her.

Risiken und Nebenwirkungen

Obwohl medizinisches Cannabis vielversprechend ist, gibt es auch potenzielle Risiken:

  • Der langfristige Gebrauch von THC-haltigen Produkten kann zu psychischer Abhängigkeit und einer Erhöhung der Toleranz führen.
  • Hohe THC-Dosen können Angst, Paranoia und andere psychische Probleme verschlimmern.
  • Kurzzeitige Gedächtnisprobleme und Beeinträchtigungen der motorischen Fähigkeiten können auftreten.

Fazit

In vielen Studien wird der Schlaf oft als sekundäres, nicht als primäres Ergebnis betrachtet [8]. Nichtsdestotrotz legen einige Untersuchungen nahe, dass Cannabinoide die Schlafqualität verbessern, Schlafstörungen verringern und die Einschlafzeit verkürzen können. Trotz positiver Effekte auf den Schlaf gibt es jedoch zahlreiche Einschränkungen, wie kleine Stichprobengrößen, die Untersuchung des Schlafs als sekundäres Ergebnis im Kontext einer anderen Krankheit und eine relativ geringe Anzahl von Studien, die validierte subjektive oder objektive Messungen verwenden.

Medizinisches Cannabis bietet eine vielversprechende Alternative zur Behandlung von Insomnie, insbesondere für Patient:innen, die auf traditionelle Therapien nicht ansprechen. Die richtige Balance und Kombination von THC und CBD kann dabei helfen, die Schlafqualität zu verbessern, jedoch sind weitere Forschungen notwendig, um optimale Dosierungen und Langzeiteffekte besser zu verstehen. Patient:innen sollten die Anwendung von medizinischem Cannabis immer mit einem Arzt:einer Ärztin besprechen, um eine sichere und effektive Behandlung zu gewährleisten.

Quellen

[1] Ried K, Tamanna T, Matthews S, Sali A. Medicinal cannabis improves sleep in adults with insomnia: a randomised double-blind placebo-controlled crossover study. J Sleep Res. 2023 Jun;32(3):e13793.
[2] Walsh JH, Maddison KJ, Rankin T, Murray K, McArdle N, Ree MJ, Hillman DR, Eastwood PR. Treating insomnia symptoms with medicinal cannabis: a randomized, crossover trial of the efficacy of a cannabinoid medicine compared with placebo. Sleep. 2021 Nov 12;44(11):zsab149.
[3] Narayan AJ, Downey LA, Rose S, Di Natale L, Hayley AC. Cannabidiol for moderate-severe insomnia: a randomized controlled pilot trial of 150 mg of nightly dosing. J Clin Sleep Med. 2024 May 1;20(5):753-763.
[4] Shannon S, Lewis N, Lee H, Hughes S. Cannabidiol in Anxiety and Sleep: A Large Case Series. Perm J. 2019;23:18-041.
[5] Babson KA, Sottile J, Morabito D. Cannabis, Cannabinoids, and Sleep: a Review of the Literature. Curr Psychiatry Rep. 2017 Apr;19(4):23.
[6] Suraev AS, Marshall NS, Vandrey R, McCartney D, Benson MJ, McGregor IS, Grunstein RR, Hoyos CM. Cannabinoid therapies in the management of sleep disorders: A systematic review of preclinical and clinical studies. Sleep Med Rev. 2020 Oct;53:101339.
[7] Stith SS, Vigil JM, Brockelman F, Keeling K, Hall B. The Association between Cannabis Product Characteristics and Symptom Relief. Sci Rep. 2019 Feb 25;9(1):2712.
[8] Kuhathasan N, Dufort A, MacKillop J, Gottschalk R, Minuzzi L, Frey BN. The use of cannabinoids for sleep: A critical review on clinical trials. Exp Clin Psychopharmacol. 2019 Aug;27(4):383-401.

Autor: Dr. Nadine Herwig
Dr. Nadine Herwig - Leiterin Grünhorn Academy
Dr. Nadine Herwig studierte von 2006 bis 2010 Angewandte Naturwissenschaften an der Technischen Universität Bergakademie Freiberg. Ihre Promotion führte sie am Helmholtz-Zentrum in Dresden-Rossendorf am Institut für Radiopharmazie durch. Zu ihren bislang publizierten wissenschaftlichen Arbeiten gehören u. a. Originalartikel auf dem Gebiet der Hautkrebsforschung und der Biomarker.