Einsatz von medizinischem Cannabis bei Gelenkschmerzen und Arthrose
Veröffentlicht am: 12.02.2025, Update: 20.05.2026
- Endocannabinoidsystem (ECS): Das ECS reguliert Schmerzempfinden und Entzündungen bei Arthrose, rheumatoider Arthritis und anderen Gelenkerkrankungen. CB1- und CB2-Rezeptoren sind für schmerzlindernde Effekte entscheidend.
- Medizinisches Cannabis in der Orthopädie: THC, CBD und weitere Cannabinoide aus der Hanfpflanze interagieren mit dem ECS und könnten Schmerzen bei Rücken-, Hüft- & Knieproblemen sowie Arthroseschmerzen lindern.
- Wissenschaftliche Belege: Die Studienlage zur Cannabis Therapie ist gemischt. Einige Studien zeigen eine Schmerzreduktion durch medizinisches Cannabis, andere finden keine eindeutige Wirkung oder verweisen auf Nebenwirkungen.
- Cannabistherapie & Rückenschmerzen: Medizinisches Cannabis kann Schmerzen reduzieren, die Lebensqualität verbessern und den Verbrauch klassischer Schmerzmittel senken.
- Hüftschmerzen: Cannabidiol CBD kann Schmerzen, Beweglichkeit & Schlafqualität verbessern.
- Knieschmerzen: Eine Studie zeigt eine ähnliche Schmerzreduktion von Hanfsamenöl und Diclofenac-Gel bei Kniearthrose.
Chronische Schmerzen im Bewegungsapparat, wie Rückenschmerzen, Knieschmerzen oder Hüft-Arthrose, betreffen Millionen Menschen weltweit und zählen zu den häufigsten Erkrankungen. Besonders Cannabis bei Arthrose und Arthritis ist in den vergangenen Jahren stärker in den Fokus der Forschung gerückt. Viele Betroffene leiden neben Schmerzen auch unter Bewegungseinschränkungen, emotionalen Belastungen und einer eingeschränkten Lebensqualität. Deshalb suchen viele Menschen nach Alternativen zu klassischen Schmerzmitteln wie Ibuprofen, Paracetamol oder Opioiden, da diese Medikamente häufig Nebenwirkungen verursachen und nicht immer die gewünschte Wirksamkeit zeigen.
Eine zunehmend erforschte Option ist medizinisches Cannabis. Cannabis enthält über 100 Cannabinoide, wobei Cannabidiol (CBD) und Tetrahydrocannabinol (THC) als wichtigste Wirkstoffe für die Schmerzbehandlung gelten. Doch wie funktioniert die Wirkung von CBD und THC, welche Formen der Anwendung gibt es und was sagen aktuelle Studien zur Behandlung von Arthrose und Arthritis?
Cannabis bei Arthrose: Das Endocannabinoidsystem und seine Rolle bei der Schmerzmodulation
Das Endocannabinoidsystem (ECS) ist ein zentrales Regulationssystem im menschlichen Körper, das eine wichtige Rolle bei der Schmerztherapie, Entzündungshemmung und Immunregulation spielt – auch bei Gelenkerkrankungen wie Arthrose, Polyarthrose oder rheumatoider Arthritis (RA)1. Das ECS besteht aus:
- Endocannabinoiden (z. B. Anandamid, 2-Arachidonoylglycerol), die körpereigene Signale übermitteln,
- Cannabinoid-Rezeptoren (CB1 und CB2), die in verschiedenen Geweben und Gelenken exprimiert werden,
- Enzymen, die für die Synthese und den Abbau der Endocannabinoide verantwortlich sind.
CB1-Rezeptoren befinden sich hauptsächlich im zentralen Nervensystem und beeinflussen die Schmerzverarbeitung. THC bindet an diese Rezeptoren im Gehirn und Nervensystem und kann dadurch die Schmerzwahrnehmung verändern sowie die Beweglichkeit der Gelenke verbessern. CB2-Rezeptoren kommen vor allem im Immunsystem und in Immunzellen vor und vermitteln entzündungshemmende Effekte. Diese Mechanismen sind insbesondere bei Autoimmunerkrankungen wie rheumatoider Arthritis relevant, da chronische Entzündungen dort eine zentrale Rolle spielen.
Medizinisches Cannabis enthält verschiedene Cannabinoide und Wirkstoffe aus der Hanfpflanze, darunter THC, Cannabidiol CBD sowie Dronabinol oder Nabiximols. CBD gilt als nicht psychoaktiv und wird vor allem wegen seiner entzündungshemmenden Eigenschaften untersucht. Die Kombination von CBD und THC wird häufig empfohlen, da beide Wirkstoffe gemeinsam therapeutische Effekte bei der Schmerzbehandlung verstärken könnten.
Cannabisextrakte wie Nabiximols beziehungsweise Sativex kombinieren THC und CBD in standardisierten Formulierungen, um eine verlässliche Dosierung und gleichbleibende Effekte zu ermöglichen. Neben THC und CBD spielen auch Terpene eine wichtige Rolle für die therapeutische Wirksamkeit.
Die Beeinflussung des ECS könnte eine neue Strategie für die Schmerzbehandlung bei Arthrose, Arthritis und anderen Erkrankungen des Bewegungsapparates sein2. Allerdings bleibt die wissenschaftliche Evidenz begrenzt. Klinische Studien zeigen teilweise, dass die Beweiskraft für eine allgemeine Empfehlung zur Verwendung von Cannabis bei Arthrose noch zu gering ist. Weitere hochwertige Studien sind notwendig, bevor klare Empfehlungen ausgesprochen werden können.
Wissenschaftliche Belege zur Schmerztherapie mit Cannabis
Mehrere klinische Studien und Meta-Analysen haben die Wirksamkeit von medizinischem Cannabis bei chronischen Schmerzen untersucht. Bereits 2019 wurde in einer Übersichtsarbeit der Einsatz von Cannabis in der Orthopädie zusammengefasst3. Aus 33 ausgewerteten Studien – darunter kontrollierte klinische Studien – wurde ein gemischtes Fazit gezogen. Einige Untersuchungen berichteten von positiven Effekten bei der Schmerztherapie, andere fanden keine eindeutige Wirkung.
Studien mit höheren Dosierungen zeigten häufiger positive Effekte auf Arthroseschmerzen, Gelenkschmerzen und Entzündungen. Gleichzeitig stieg jedoch auch das Risiko möglicher Nebenwirkungen. Cannabis kann unter anderem Schwindel, Müdigkeit, Mundtrockenheit oder Konzentrationsprobleme verursachen. Höhere THC-Dosen können zusätzlich zu Übelkeit, erhöhter Herzfrequenz oder verstärkten Angstgefühlen führen.
Langfristiger Cannabis-Konsum kann bei etwa 10 % der Nutzer:innen Entzugssymptome wie Schlafprobleme oder Reizbarkeit verursachen. Zudem können Cannabinoide die Wirkung anderer Arzneimittel verstärken oder deren Abbau verzögern. Risiken bestehen insbesondere bei der Kombination mit Blutverdünnern oder anderen Schmerzmitteln.
Zu einem ähnlichen Ergebnis kam eine kanadische Forschergruppe4. Die Wissenschaftler:innen schlussfolgerten, dass viele Cannabis-Patient:innen mit chronischen muskuloskelettalen Schmerzen oder anderen chronischen Erkrankungen mehr Nutzen als Schaden in der Verwendung von medizinischem Cannabis sehen – insbesondere bei inhalativen Formen wie Cannabisblüten. Viele Betroffene berichten über eine Verbesserung der Lebensqualität und eine Reduktion klassischer Schmerzmittel.
Aktuelle Studien zur Behandlung von Rückenschmerzen
Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2023 liefert vorläufige Belege dafür, dass die Einnahme von medizinischem Cannabis mit einer Verringerung der Schmerzen im Bereich des unteren Rückens sowie einer geringeren Einnahme von Opioiden verbunden sein kann5. Die Ergebnisse liefern jedoch keine eindeutigen Hinweise auf eine Dosis-Wirkungs-Beziehung oder auf die langfristige Wirksamkeit der Cannabis Therapie.
In einer kleinen Studie mit 28 Teilnehmenden wurde die Sicherheit und Wirksamkeit eines THC:CBD-Präparats (10:25) bei Patient:innen mit mittelschweren bis schweren chronischen Schmerzen untersucht, die nicht auf herkömmliche Schmerzmittel ansprachen6. Die Kombination aus CBD und THC führte bei höheren Dosen zu einer signifikanten Schmerzreduktion sowie zu einer Verbesserung von Stress- und Depressionssymptomen. Berichtete Nebenwirkungen (z. B. Übelkeit, Schwindel oder Müdigkeit) wurden überwiegend als mild eingestuft.
Eine weitere Studie mit 24 Patient:innen mit Bandscheibenvorfällen oder Spinalkanalstenose verglich die Wirkung eines sublingualen CBD-reichen Cannabisextrakts (1 % THC : 6 % CBD) mit der Inhalation einer ausgeglichenen Cannabisblüte (10 % THC : 10 % CBD)7. Dabei zeigte sich, dass die sublinguale CBD-Therapie – etwa in Form von Öl, Tropfen oder Kapseln – keine signifikante Schmerzlinderung bewirkte. Die inhalative THC-Therapie hingegen führte zu einer signifikanten Reduktion der Schmerzen, einer Verbesserung der Lebensqualität und einem geringeren Verbrauch klassischer Schmerzmittel.
Orale Cannabispräparate wie Öle oder Kapseln wirken meist länger, benötigen jedoch mehr Zeit bis zum Wirkungseintritt als inhalative Formen.
Aktuelle Studien zur Behandlung von Hüftschmerzen
In einer US-amerikanischen Studie wurden Zusammenhänge zwischen der CBD-Einnahme und der Verbesserung von Hüft-Arthritis-Symptomen festgestellt8. Die Anwendung von Cannabidiol CBD führte bei den Betroffenen zu einer Verbesserung der Schmerzen, der Beweglichkeit und der Schlafqualität. Zudem reduzierte sich teilweise die Einnahme anderer Medikamente.
Eine andere Studie mit 46 Patient:innen nach vollständiger Hüft-Arthroplastik konnte jedoch keinen opioidsparenden Effekt durch Cannabis nachweisen9. In den ersten zwei Wochen nach der Operation zeigte sich kein Unterschied beim Schmerzmittelverbrauch zwischen Cannabis-Nutzern und Nicht-Nutzern.
Aktuelle Studie zur Behandlung von Knieschmerzen
Eine aktuelle doppelblinde, randomisierte, placebo-kontrollierte Studie zeigt10, dass Hanfsamenöl der Hanfpflanze im Rahmen einer vierwöchigen Behandlung zu einer stärkeren Verbesserung der Schmerzwerte sowie arthritischer Beschwerden führte. Besonders bei Kniearthrose zeigte sich eine Verbesserung der WOMAC-Werte, jedoch nicht bei der Kniebeweglichkeit.
Gleichzeitig zeigen andere Studien, dass Cannabidiol CBD bei Kniearthrose teilweise keine klinisch signifikante Schmerzlinderung im Vergleich zu Placebos erzielen konnte. Die Wirkung von Cannabis bei Arthrose ist somit in klinischen Studien nicht einheitlich.
Zwischen Hanfsamenöl und Diclofenac-Gel konnten keine signifikanten Unterschiede festgestellt werden. Bei Schmerzen mit neurologischen Komponenten könnte medizinisches Cannabis zusätzliche Vorteile bieten. Für Menschen mit chronischen Gelenkschmerzen kann Cannabis somit eine ergänzende Option innerhalb einer multimodalen Therapie darstellen.
Vorteile und potenzielle Risiken von CBD und THC
Neben den potenziellen Vorteilen von medizinischem Cannabis – darunter Verbesserung der Schlafqualität, Unterstützung der Schmerzbehandlung und Reduktion des Bedarfs an Opioiden11, 12 – müssen auch mögliche Risiken berücksichtigt werden. Studien deuten darauf hin, dass Cannabis die Lebensqualität von Menschen mit Arthritis verbessern kann, indem Schmerzen und Entzündungen reduziert und die Beweglichkeit unterstützt werden.
Zu den möglichen Risiken zählen:
- Psychotrope Effekte von THC (z. B. kognitive Beeinträchtigungen oder Schwindel),
- Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln und Medikamenten,
- erhöhte Herzfrequenz, Müdigkeit oder Angstzustände bei höheren THC-Dosen,
- mögliche Auswirkungen auf Gedächtnis, Reaktionsgeschwindigkeit und Koordination – insbesondere bei älteren Erwachsenen,
- bislang unzureichend erforschte Langzeitwirkungen.
Cannabis-Arzneimittel sind nicht für alle Patient:innen geeignet. Besonders Menschen mit Herzerkrankungen oder Depressionen sollten die Anwendung sorgfältig mit ihrem Arzt besprechen. Studien zeigen zudem, dass mehr als ein Drittel der Cannabistherapien aufgrund von Nebenwirkungen abgebrochen wird.
Darüber hinaus zeigen Studien ein erhöhtes Risiko für tiefe Venenthrombosen, Revisionen und kardiale Komplikationen nach vollständigen Hüft- und Kniegelenksersatzoperationen13, 14. Diese Ergebnisse verdeutlichen, wie wichtig eine sorgfältige ärztliche Begleitung, die richtige Dosierung und eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung sind.
Fazit
Die Forschung zu medizinischem Cannabis bei Arthrose, rheumatoider Arthritis und anderen Gelenkerkrankungen zeigt vielversprechende Ansätze. Besonders die Wirkung von Cannabinoiden auf das Endocannabinoidsystem könnte künftig eine wichtige Rolle in der modernen Schmerztherapie spielen. Cannabis kann Entzündungen und Schmerzen reduzieren und möglicherweise die Lebensqualität von Betroffenen verbessern.
Gleichzeitig bleibt die Studienlage uneinheitlich. Weitere randomisierte, kontrollierte Studien sind notwendig, um optimale Dosierungen, geeignete Formen der Anwendung und Langzeitwirkungen besser zu verstehen. Für viele Menschen kann medizinisches Cannabis dennoch eine ergänzende Alternative zu klassischen Schmerzmitteln darstellen.
In Deutschland ist medizinisches Cannabis seit 2017 unter bestimmten Voraussetzungen verschreibungsfähig. Patient:innen können ein Rezept nach ärztlicher Prüfung erhalten – teilweise auch über telemedizinische Plattformen. Voraussetzung ist in der Regel eine ärztliche Beratung, bei der geprüft wird, ob eine Cannabis Therapie medizinisch sinnvoll ist. Für eine Kostenübernahme durch die Krankenkasse ist häufig eine medizinische Begründung erforderlich.
Nach Ausstellung eines Rezepts können Patient:innen medizinische Cannabisprodukte über Apotheken beziehen. Dort stehen – je nach Verfügbarkeit – unterschiedliche Produkte wie Cannabisblüten, Extrakte, Öle oder Kapseln zur Verfügung. Frei verkäufliche CBD-Produkte unterliegen dagegen häufig geringeren Qualitätskontrollen als medizinisches Cannabis aus der Apotheke.
Patient:innen sollten die Therapie stets in enger Abstimmung mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt durchführen. Besonders wichtig sind die richtige Dosierung, die Auswahl geeigneter Produkte sowie die Berücksichtigung möglicher Wechselwirkungen und Nebenwirkungen.
Quellen
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