Cannabis bei Rückenschmerzen: Wirksamkeit, Studienlage und was Patient:innen wissen sollten
veröffentlicht am 23.01.2026
Rückenschmerzen gehören zu den häufigsten Gründen für Arztbesuche – und viele Betroffene suchen nach Alternativen, wenn klassische Schmerzmittel nicht (mehr) ausreichen oder schlecht vertragen werden. Medizinisches Cannabis wird dabei immer öfter genannt. Das Potenzial neuer Behandlungsoptionen auf Cannabis-Basis bietet insbesondere für Menschen mit chronischen Rückenschmerzen eine vielversprechende Perspektive, um ihre Beschwerden zu lindern und ihre Lebensqualität zu verbessern. Aber: Hilft Cannabis bei Rückenschmerzen wirklich – und für wen? Was sagt die Studienlage, welche Cannabis-Formen werden eingesetzt, welche Risiken gibt es?
Key Facts
- Medizinisches Cannabis kann bei chronischen Rückenschmerzen helfen, insbesondere bei therapieresistenten Verläufen und neuropathischen Schmerzanteilen.
- Die Studienlage verbessert sich deutlich: Neue Phase-III-Daten zu standardisierten Vollspektrum-Extrakten zeigen moderate, aber klinisch relevante Effekte auf Schmerz, Schlaf und Lebensqualität.
- Cannabis ist keine Erstlinientherapie, sondern eine ärztlich begleitete Option, wenn etablierte Behandlungen nicht ausreichend wirken oder nicht vertragen werden.
- Nutzen und Risiken müssen individuell abgewogen werden – entscheidend sind Schmerztyp, THC/CBD-Verhältnis, Dosierung und eine sorgfältige Patient:innenauswahl.
Welche Rückenschmerzen sind gemeint?
Medizinisch wird grob unterschieden in:
- Akute Rückenschmerzen (oft muskulär, meist selbstlimitierend)
- Chronische Rückenschmerzen (halten länger als 12 Wochen an)
- Rückenschmerzen aufgrund spezifischer Ursachen (z. B. Bandscheibenvorfall mit Nervenbeteiligung, Spinalkanalverengung/stenose, entzündliche Erkrankungen)
- Unspezifische Rückenschmerzen (= häufigster Fall: keine klare einzelne Ursache)
Cannabis wird in der Regel nicht als „Erstlinientherapie“ betrachtet, sondern eher als Option, wenn Standardmaßnahmen (Bewegung/Physio, nicht-opioide Schmerzmittel, Opiate, multimodale Therapie) nicht ausreichend helfen oder nicht vertragen werden.
Wie könnte Cannabis bei Rückenschmerzen wirken?
Cannabinoide greifen als Wirkstoffe in das Endocannabinoid-System (ECS) ein, das u. a. an Schmerzverarbeitung, Entzündung, Schlaf und Stressregulation beteiligt ist. Im Rahmen klinischer Studien werden neben Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) auch Cannabigerol (CBG) und Terpene als Bestandteile von Cannabisextrakten untersucht, da sie gemeinsam das Potenzial zur Schmerzlinderung und zur Verbesserung der Lebensqualität von Patient:innen zeigen. CBD besitzt entzündungshemmende und muskelentspannende Eigenschaften und unterstützt die natürliche Heilung, während THC an Rezeptoren im Gehirn und Rückenmark bindet und so die Schmerzwahrnehmung verringert. Darüber hinaus können Cannabinoide stimmungsaufhellend wirken und Angstzustände reduzieren. In Reviews wird das ECS als therapeutisches Ziel bspw. bei Schmerzen im unteren Rücken (sogenanntem Low-Back-Pain) diskutiert – gleichzeitig ist die klinische Studienlage je nach Schmerztyp unterschiedlich stark1.
„Cannabis ist kein Wundermittel gegen Rückenschmerzen – aber für ausgewählte Patient:innen
mit chronischen und nervenbedingten Beschwerden kann es eine sinnvolle Ergänzung im therapeutischen Gesamtkonzept sein, wenn andere Optionen ausgeschöpft sind.“
– Dr. Nadine Herwig, Leiterin der Grünhorn Academy
Wichtig: Rückenschmerz ist nicht gleich Rückenschmerz. Wenn neben den Rückenschmerzen auch Nervenschmerzen auftreten – etwa Brennen, Kribbeln oder „elektrische“ Schmerzempfindungen – könnte Cannabis eher helfen. Denn genau bei chronischen und nervenbedingten Schmerzen wurden Cannabinoide bislang am häufigsten untersucht und auch die meisten positiven Effekte beschrieben.
Studienlage: Hilft Cannabis bei Rückenschmerzen?
1) Allgemeine Evidenz bei chronischen Schmerzen
Große Übersichtsarbeiten und Leitlinien kommen häufig zu einem ähnlichen Bild: kleine bis sehr kleine Verbesserungen bei Schmerzempfinden, Funktion bzw. Beweglichkeit und Schlaf – bei gleichzeitig nicht seltenen Nebenwirkungen. Daher sind Empfehlungen oft „schwach“ und betonen die gemeinsame Nutzen-Risiko-Abwägung zwischen Arzt und Patient. Mediziner spielen eine zentrale Rolle bei der Auswahl und Bewertung neuer Behandlungsoptionen in der Schmerztherapie, insbesondere wenn es um innovative Ansätze wie Cannabis-basierte Arzneimittel geht, um die Lebensqualität von Schmerzpatienten zu verbessern2.
Auch eine aktuelle Zusammenfassung zu Cannabis und anderen pflanzlichen Substanzen bei chronischem/subakutem Schmerz fasst Nutzen und Risiken fortlaufend zusammen und zeigt insgesamt: Effekte sind vorhanden, aber meist moderat, die Datenlage variiert stark nach Produkt/THC-Gehalt/Indikation3.
2) Speziell zu chronischen Rückenschmerzen: neue, große Phase-3-Daten mit VER-01
Spannend ist eine große Phase-III-Studie, die in dem Magazin Nature Medicine veröffentlicht wurde: Im Rahmen dieser Studie wurden 820 Probanden mit chronischen unspezifischen Low-Back-Pain zufällig auf eine Behandlungsgruppe (auch Verumgruppe genannt) und eine Placebo-Gruppe verteilt. Untersucht wurde ein chemisch definierter, Vollspektrum-Cannabisextrakt (VER-01), der CBD, THC, CBG sowie Terpene enthält und als Flüssigkeit zur oralen Einnahme verabreicht wird. Die Ergebnisse zeigten eine deutliche Schmerzlinderung, eine Verbesserung der Schlafqualität und eine Steigerung der Lebensqualität im Vergleich zur Placebo-Gruppe – die durchschnittliche Schmerzreduktion betrug 1,9 Punkte (VER-01) gegenüber 1,4 Punkten (Placebo) auf einer Skala von 0 bis 10. Es wurden keine Anzeichen von Abhängigkeit oder Entzugserscheinungen bei den Probanden festgestellt. Die Studie wurde unter der Leitung von Prof. Matthias Karst, Leiter der Schmerzambulanz an der Medizinischen Hochschule Hannover, durchgeführt. Die Phase-III-Studie unterstreicht die Bedeutung von VER-01 als potenzielles Cannabis-Medikament für die Behandlung von chronischen Schmerzen im Rückenbereich und Kreuzschmerzen und ist ein wichtiger Schritt für die Zulassung in Deutschland und Österreich, wodurch neue Optionen für die Schmerztherapie und die Erstattung durch Krankenkassen folgen könnten4.
Zusätzlich gab es Berichte über ein Programm mit längerem Follow-up/weiteren Studienanteilen und Vergleichen mit anderen Medikamenten – die Details sind je nach Publikation/Kommunikation unterschiedlich, aber der Kernpunkt bleibt: Endlich gibt es für chronische Rückenschmerzen eine große, hochwertige klinische Prüfung eines standardisierten Cannabis-Extrakts.
3) Systematische Übersichten speziell zu Low-Back-Pain
Ein systematischer Review, der gezielt Low-Back-Pain betrachtet, beschreibt insgesamt eine noch begrenzte Studienbasis (v. a. im älteren Suchzeitraum) und leitet daraus ab, dass weitere hochwertige klinische Studien mit Patient:innen nötig sind – was durch die neueren Phase-3-Daten gerade passiert. Im Rahmen der Entwicklung neuer Behandlungsoptionen für Kreuzschmerzen und den unteren Rückenbereich wurden diese systematischen Reviews durchgeführt, um die Wirksamkeit und Sicherheit von Cannabis-basierten Arzneimitteln als potenzielle Alternativen in der Schmerztherapie für Schmerzpatienten zu bewerten5.
Grünhorn Academy Podcast
Volksleiden #2: Rückenschmerzen und Cannabis - Wie eine Therapie den Alltag erleichtern kann
Für wen kann Cannabis bei Rückenschmerzen sinnvoll sein?
Cannabis-Medikamente sind für folgende Art Rückenschmerzen eher potenziell geeignet (immer ärztlich abklären):
- chronische Rückenschmerzen ≥ 12 Wochen, bisher therapieresistent - keine Linderung durch Standard-Therapie erfolgt
- relevante Schlafstörungen aufgrund der Schmerzen (Cannabinoide zeigen hier teils kleine Vorteile)
- neuropathische Schmerzanteile (z. B. Nervenschmerzen wie ausstrahlende Schmerzen, Brennen, Kribbeln, Kraftverlust)
Die Verschreibung und Anwendung von Cannabis-basierten Arzneimitteln zur Schmerztherapie sollte ausschließlich durch einen Arzt oder eine Medizinerin erfolgen. Eine eigenständige Behandlung oder Einnahme ohne ärztliche Diagnose und Begleitung ist nicht empfohlen, da nur medizinisches Fachpersonal die Wirksamkeit, Dosierung, mögliche Nebenwirkungen und Alternativen fachgerecht bewerten kann.
Aufgrund persönlicher Vorgeschichte bzw. Umstände sind Cannabis-Medikamente für Patient:innen mit folgenden Befunden eher nicht geeignet bzw. nur mit großer Vorsicht:
- Schwangerschaft/Stillzeit
- relevante Herz-Kreislauf-Risiken (v. a. bei THC)
- Psychosen in der Vorgeschichte oder in der Familie, instabile schwere Angst-/Panikstörung
- Substanzgebrauchsstörung (inkl. Cannabis) oder hohes Abhängigkeitsrisiko
Welche Cannabis-Formen werden medizinisch genutzt?
In den letzten Jahren hat die Zahl der möglichen Einnahmeformen deutlich zugenommen. In der Praxis kommen u. a. vor:
- standardisierte Vollspektrumextrakte (definierte THC/CBD-Mengen)
- Dronabinol (reines THC) bzw. andere Cannabinoid-Arzneien
- Cannabisblüten (medizinische Qualität; im medizinischen Kontext vaporisiert, nicht geraucht)
- in Zukunft, abhängig von der Zulassung, eventuell VER-01
Wichtig: Studienergebnisse sind nicht 1:1 auf „irgendein Cannabisprodukt“ übertragbar. Entscheidend sind Standardisierung, Dosierung, THC/CBD-Verhältnis, Einnahmeform und individuelle Besonderheiten.
Dosierung: „Start low, go slow“
Gerade bei Rückenschmerzen geht es selten darum, „high“ zu werden – Ziel ist symptomorientierte Linderung bei möglichst wenig Nebenwirkungen.
Ein häufig genutztes Schema in der Schmerzmedizin lautet:
- sehr niedrige Startdosis (insb. bei THC)
- langsame Steigerung alle paar Tage (1-3 Tage)
- regelmäßige Überprüfung der Effekte auf Schmerz, Schlaf, Funktion/Beweglichkeit, Nebenwirkungen, Alltagsfähigkeit
Das genaue Vorgehen gehört in ärztliche Hand – auch, weil Wechselwirkungen (z. B. mit sedierenden Medikamenten) relevant sein können.
Nebenwirkungen & Risiken
Wie andere Arzneimittel kann auch medizinisches Cannabis Nebenwirkungen verursachen. Häufig berichtet werden:
- Schwindel, Müdigkeit, Konzentrationsprobleme
- Übelkeit, Mundtrockenheit
- gelegentlich Angst/Unruhe (v. a. bei höherem THC)
Zur Sicherheit gibt es Übersichtsarbeiten, die zeigen: Nebenwirkungen sind insbesondere zu Therapiebeginn häufig, schwere Ereignisse sehr selten, aber die Sicherheitsevidenz – besonders langfristig – ist nicht in allen Bereichen so stark wie bei etablierten Schmerztherapien. Nichtsdestotrotz gelten Cannabis-basierte Arzneimittel als gut verträglich und müssen meist nicht mit zunehmender Dauer der Therapie höher dosiert werden, wie bspw. in der Opiat-Therapie6.
Deutschland: Verordnung, Alltag, Autofahren
Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat Fragen und Regeln zur Verordnung/Erstattung zusammengefasst; u. a. gab es Anpassungen beim Genehmigungsvorbehalt für bestimmte Qualifikationen/Fachgruppen. Nach der Zulassung wird der Cannabis-Extrakt VER-01 unter dem Handelsnamen Exilby in Deutschland verschreibungsfähig sein und kann als Medikament von Ärzten verordnet werden; zudem ist eine Erstattung durch die Krankenkassen für Patient:innen mit Rückenschmerzen möglich.
Da medizinisches Cannabis seit 2024 nicht mehr als Betäubungsmittel eingestuft wird, kann es entsprechend auf normalem Rezept verordnet werden.
Autofahren: In Deutschland gilt ein gesetzlicher THC-Grenzwert von 3,5 ng/ml Blutserum (zusätzlich Sonderregeln für Fahranfänger/junge Fahrer), welcher aber für Patient:innen nicht gilt. Als Nachweis dafür muss zwingend das gültige Rezept mitgeführt werden. Gerade bei Neueinstellung, Produktwechsel oder Dosiserhöhung ist jedoch besondere Vorsicht sinnvoll.
Häufige Fragen (FAQ)
Hilft CBD allein bei Rückenschmerzen?
CBD wird oft gut vertragen, aber die belastbare klinische Evidenz ist je nach Indikation begrenzt. Viele Studienergebnisse zu „Cannabis bei Schmerz“ beziehen sich auf THC-haltige Präparate oder Mischungen.
Ist Cannabis besser als Ibuprofen oder Opioide?
So pauschal lässt sich das nicht sagen. Die neue Phase-3-Evidenz ist ein wichtiger Schritt, aber die durchschnittlichen Effekte sind oft moderat. Opioide haben andere Risiken (z. B. Abhängigkeit, Obstipation), Cannabis wiederum andere (z. B. Schwindel, kognitive Effekte). Entscheidung = individuell.
Macht medizinisches Cannabis abhängig?
Ein Risiko besteht grundsätzlich – vor allem bei höherem THC und ungünstigen Faktoren. Reviews diskutieren Missbrauch/Abhängigkeit als wichtigen Sicherheitsaspekt; deshalb sind Screening, Verlaufskontrollen und klare Therapieziele entscheidend.
Fazit: Cannabis kann helfen – aber es ist kein Wundermittel
Für viele Jahre war die Evidenz speziell zu chronischen Rückenschmerzen dünn. Mit neuen, großen Studien zu standardisierten Extrakten gibt es jetzt deutlich bessere Daten – mit einem realistischen Bild: Ja, es kann eine spürbare Unterstützung sein, vor allem als Teil eines Gesamtkonzepts. Aber die durchschnittliche Wirkung ist meist nicht dramatisch, Nebenwirkungen sind relevant, und die passende Patientenauswahl ist entscheidend. Die Studie zu VER-01 zeigt, dass Cannabis-basierte Präparate das Potenzial haben, die bestehenden Behandlungsoptionen für Menschen mit chronischen Rückenschmerzen zu erweitern. Es besteht die Hoffnung, dass die Zulassung von VER-01 neue Perspektiven für Schmerzpatienten eröffnet und die Lebensqualität vieler Betroffener verbessert, auch wenn weitere Studien zur Wirksamkeit und Sicherheit notwendig sind.
Quellen
[1] Hopkins MA, McGuire BE, Finn DP. Targeting the endocannabinoid system for the
management of low back pain. Curr Opin Pharmacol. 2024 Apr;75:102438.
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Aertgeerts B, Buchbinder R, Coen M, Juurlink D, Samer C, Siemieniuk RAC,
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Vandvik PO, Agoritsas T. Medical cannabis or cannabinoids for chronic
pain: a clinical practice guideline. BMJ. 2021 Sep 8;374:n2040.
[3]
Chou R, Ahmed AY, Dana T, Morasco BJ, Bougatsos C, Fu R, Williams L.
Living Systematic Review on Cannabis and Other Plant-Based Treatments
for Chronic Pain: 2025 Update [Internet]. Rockville (MD): Agency for
Healthcare Research and Quality (US); 2025 Jul. Report No.: 25-EHC036.
PMID: 40956916.
[4] Karst M, Meissner W, Sator S, Keßler J, Schoder
V, Häuser W. Full-spectrum extract from Cannabis sativa DKJ127 for
chronic low back pain: a phase 3 randomized placebo-controlled trial.
Nat Med. 2025 Dec;31(12):4189-4196.
[5] Lee C, Danielson EC,
Beestrum M, Eurich DT, Knapp A, Jordan N. Medical Cannabis and Its
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Review. Curr Pain Headache Rep. 2023 Dec;27(12):821-835.
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Zeraatkar D, Cooper MA, Agarwal A, Vernooij RWM, Leung G, Loniewski K,
Dookie JE, Ahmed MM, Hong BY, Hong C, Hong P, Couban R, Agoritsas T,
Busse JW. Long-term and serious harms of medical cannabis and
cannabinoids for chronic pain: a systematic review of non-randomised
studies. BMJ Open. 2022 Aug 4;12(8):e054282.