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Cannabis bei Krebs: Einsatz, Wirkung und aktuelle Studienlage

Wissenschaftlerin untersucht Probe unter dem Mikroskop im Labor

Medizinisches Cannabis gewinnt in der Onkologie zunehmend an Bedeutung – vor allem zur Linderung belastender Symptome im Rahmen einer Krebserkrankung oder Krebstherapie. Viele Patient:innen fragen sich: Kann Cannabis bei Krebs helfen?Welche Beschwerden lassen sich damit behandeln? und was sagt die aktuelle Studienlage? 

Das öffentliche und wissenschaftliche Interesse an Cannabis und CBD als begleitende Therapie bei Krebs wächst stetig, was sich in einer zunehmenden Zahl von Studien und Diskussionen widerspiegelt. 

Dieser Artikel gibt einen verständlichen Überblick und ordnet die Rolle der Hanfpflanze in der Krebsmedizin medizinisch fundiert ein. Neben der Anwendung bei Krebs zählen auch weitere Einsatzgebiete wie Multiple SkleroseÜbelkeit bei Chemotherapie und HIV/AIDS zu den medizinischen Anwendungsbereichen von Cannabis. 

Key Facts 

  • Medizinisches Cannabis wird bei Krebserkrankungen vor allem zur Linderung von Schmerzen, Übelkeit, Appetitlosigkeit und Schlafstörungen eingesetzt. 
  • Studien zeigen positive Effekte des Einsatzes von medizinischem Cannabis bei der Behandlung verschiedener Begleitsymptome (u.a. Schmerzen, Schlaf, Angst), jedoch keine ausreichenden Belege für eine krebsheilende Wirkung. 
  • THC und CBD wirken über das Endocannabinoid-System und können die Lebensqualität von Krebspatient:innen verbessern. 
  • Der Einsatz von Cannabis bei Krebs erfolgt ärztlich begleitet und individuell, insbesondere bei therapieresistenten Beschwerden. 

Cannabis bei Krebs: Worum geht es eigentlich? 

Wichtig vorab: Medizinisches Cannabis gilt nicht als Heilmittel gegen Krebs. 
Sein Einsatz erfolgt überwiegend begleitend – also zur Symptomlinderung und Verbesserung der Lebensqualität während oder nach einer Krebstherapie. Die medizinische Anwendung von Cannabis kommt insbesondere bei Krebs und anderen schweren Krankheiten zum Einsatz, wobei verschiedene Darreichungsformen und Dosierungen individuell auf die Bedürfnisse der Patient:innen abgestimmt werden. 

Im Fokus stehen dabei vor allem: 

  • chronische Tumorschmerzen 
  • Übelkeit und Erbrechen unter Chemotherapie 
  • Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust (Tumorkachexie) 
  • Angst, Unruhe und depressive Verstimmungen 

Viele Patient:innen berichten, dass die Anwendung von Cannabis ihre Lebensqualität während der Behandlung deutlich verbessert hat, insbesondere bei schweren Krankheiten wie Krebs. 

Gerade wenn klassische Medikamente nicht ausreichend wirken oder schlecht vertragen werden, kann Cannabis eine therapeutische Option sein. 

„Medizinisches Cannabis ist kein Mittel gegen Krebs – aber für viele Patientinnen und Patienten ein wirksames Instrument, um Symptome besser zu kontrollieren und den Alltag mit der Erkrankung erträglicher zu machen.“ – Dr. Nadine Herwig, Leiterin der Grünhorn Academy 

Welche Wirkstoffe spielen eine Rolle? 

Die wichtigsten Inhaltsstoffe von medizinischem Cannabis sind die sogenannten Cannabinoiden, zu denen vor allem THC (Tetrahydrocannabinol) und Cannabidiol (CBD) zählen. Diese Inhaltsstoffe sind maßgeblich für die medizinische Wirkung von Cannabis verantwortlich und werden gezielt zur Behandlung verschiedener Symptome bei Krebspatienten eingesetzt. 

Die wichtigsten Cannabinoide in der Onkologie sind: 

  • THC - schmerzlindernd, appetitanregend, antiemetisch, schlaffördernd 
  • CBD - angstlösend, entzündungshemmend, möglicherweise antikonvulsiv, kaum psychoaktiv 

Cannabinoide wie THC und CBD sind die Hauptbestandteile von medizinischem Cannabis. Die medizinisch gewünschten Effekte von Cannabis sind vermutlich auf diese Inhaltsstoffe zurückzuführen. CBD ist insbesondere für seine nicht-psychoaktiven, angstlösenden und entzündungshemmenden Eigenschaften bekannt und wird häufig zur Linderung von Schlafstörungen, innerer Unruhe und Entzündungen eingesetzt. 

In der Praxis werden häufig THC-dominante oder ausgewogene THC/CBD-Präparate eingesetzt – abhängig von Symptomatik, Vorerfahrung und individueller Verträglichkeit. 

Bei welchen Krebssymptomen wird medizinisches Cannabis eingesetzt? 

1. Tumorschmerzen

Cannabinoide können insbesondere bei chronischen, therapieresistenten Schmerzen hilfreich sein – auch als Ergänzung zu Opioiden. Cannabis spielt eine wichtige Rolle in der Schmerztherapie bei Krebspatienten, insbesondere wenn herkömmliche Schmerzmittel nicht ausreichend wirken. Studien zeigen, dass sich der Schmerzmittelbedarf teilweise reduzieren lässt. Cannabinoide können Schmerzen lindern, insbesondere bei neuropathischen Schmerzen, und werden häufig in Kombination mit anderen Schmerzmitteln zur Behandlung von Krebsschmerzen eingesetzt. 

2. Übelkeit und Erbrechen

THC-haltige Präparate gelten als wirksam bei chemotherapieinduzierter Übelkeit, vor allem wenn Standardmedikamente nicht ausreichend helfen. 

3. Appetitlosigkeit & Gewichtsverlust

THC kann den Appetit steigern und so dem krankheitsbedingten Gewichtsverlust entgegenwirken – ein relevanter Faktor für Lebensqualität und Therapietreue. 

4. Schlaf und psychische Belastung

Viele Patient:innen berichten über besseren Schlaf, weniger Grübelgedanken und eine subjektive Entlastung im Krankheitsalltag. 

Was sagt die aktuelle Studienlage (Stand 2024/2025)? 

Die Datenlage zu Cannabis in der Onkologie ist insgesamt heterogen, aber in bestimmten Bereichen gut belegt. Forschende in der Krebsforschung analysieren kontinuierlich neue Daten aus wissenschaftlichen Studien, um die Wirksamkeit und Sicherheit von Cannabis bei Krebs besser zu verstehen. In aktuellen News und wissenschaftlichen Veröffentlichungen werden regelmäßig neue Entwicklungen und Erkenntnisse aus der Cannabisforschung vorgestellt. Es gibt stichhaltige Beweise dafür, dass Cannabinoide in kultivierten Krebszelllinien und Tiermodellen eine krebshemmende Wirkung zeigen, jedoch ist die Übertragbarkeit dieser Ergebnisse auf den Menschen bislang unklar. 

Gute Evidenz, sprich ein guter Nachweis für positive Effekte, besteht für die Behandlung von 

  • chronischen Schmerzen 
  • Chemotherapie-assoziierter Übelkeit 
  • Appetitlosigkeit 

Zunehmende Evidenz gibt es für 

  • Schlafstörungen 
  • Angst und Stress bei Krebserkrankungen [18] 

Keine ausreichende klinische Evidenz besteht bislang dafür, dass Cannabis Krebs heilt, das Tumorwachstum beim Menschen zuverlässig hemmt oder die Überlebenszeit verlängert. 

Aktuelle Übersichtsarbeiten (2023–2025) betonen jedoch, dass Cannabinoide einen relevanten Platz in der supportiven Onkologie einnehmen können – insbesondere patientenzentriert und individuell angepasst. 

Verträglichkeit und Risiken 

Medizinisches Cannabis gilt insgesamt als vergleichsweise gut verträglich, dennoch sind Nebenwirkungen möglich, darunter: 

  • Müdigkeit, Schwindel 
  • Mundtrockenheit 
  • verlangsamtes Reaktionsvermögen 
  • Herz-Kreislauf-Probleme 
  • Konzentrationsstörungen 
  • bei THC: psychoaktive Effekte (z. B. Benommenheit, Angst) 

Die häufigsten Nebenwirkungen von cannabisbasierten Medikamenten sind Schwindel, Müdigkeit, Mundtrockenheit, verlangsamtes Reaktionsvermögen und Herz-Kreislauf-Probleme. Etwa 3 von 10 Personen brechen eine dauerhafte Behandlung mit Cannabis-Medikamenten wegen Nebenwirkungen ab. In seltenen Fällen kann eine psychische Abhängigkeit von THC-haltigen Präparaten auftreten. 

Gerade bei Krebspatient:innen mit mehreren Medikamenten (Polypharmazie) ist eine ärztliche Begleitung essenziell, um Wechselwirkungen (z. B. über CYP-Enzyme) zu berücksichtigen. Cannabis kann mit anderen Arzneimitteln interagieren, insbesondere wenn diese über dieselben Leberenzyme verstoffwechselt werden. Daher ist eine enge Abstimmung zwischen den behandelnden Ärzt:innen notwendig, um Wechselwirkungen zwischen Cannabis und anderen Medikamenten zu vermeiden. 

Kosten und Finanzierung: Wer zahlt die Cannabis-Therapie? 

Die Kosten für medizinisches Cannabis können tatsächlich von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen werden – sofern bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. Dazu gehört, dass eine Ärztin oder ein Arzt die Behandlung befürwortet und andere Therapieoptionen bereits ausgeschöpft oder nicht vertragen wurden. Kurz gesagt: Es gibt durchaus Möglichkeiten, finanzielle Unterstützung zu bekommen. 

Bevor mit der Cannabis-Therapie gestartet wird, muss ein Antrag auf Kostenübernahme bei der Krankenkasse stellen. Die Krankenkasse prüft dann, ob die medizinische Notwendigkeit gegeben ist und ob alle Voraussetzungen für die Behandlung mit Cannabis erfüllt sind. Wird der Antrag genehmigt, übernimmt die Krankenkasse in der Regel die Kosten für Cannabisarzneimittel – darunter Fertigarzneimittel, getrocknete Cannabisblüten oder -extrakte, sofern diese für die Behandlung als notwendig angesehen werden.  

Wenn der behandelnde Arzt bzw. die behandelnde Ärztin einer entsprechenden Facharztgruppe angehört, kann er bzw. sie direkt ein Rezept zu Lasten der Krankenkasse ausstellen. Weitere Informationen dazu gibt es hier: Neue Regelung für eine Kostenübernahme durch Krankenkassen  

Patientenberichte und Versorgungspraxis: Erfahrungen aus dem Alltag 

Erfahrungen aus der Versorgungspraxis und Berichte von Krebspatient:innen zeigen, dass medizinisches Cannabis im Alltag eine wichtige Rolle bei der Linderung von Symptomen und Nebenwirkungen der Krebsbehandlung spielen kann. Doch wie verhält es sich konkret? Viele Betroffene berichten, dass sie durch den Einsatz von Cannabis eine spürbare Verbesserung ihrer Lebensqualität erfahren – insbesondere bei der Reduktion von Schmerzen, der Kontrolle von Übelkeit und der Steigerung des Appetits. Kurz gesagt: Cannabis könnte dabei helfen, die Herausforderungen einer Krebstherapie besser zu bewältigen. 

Die Praxis zeigt allerdings auch, dass die individuelle Abstimmung der Therapie mit den behandelnden Ärzt:innen entscheidend ist, um die optimale Wirkung zu erzielen und Nebenwirkungen zu minimieren. Gleichzeitig liefern diese Erfahrungen wertvolle Impulse für die weitere Forschung und Entwicklung im Bereich medizinisches Cannabis. Denn sie helfen, die Versorgungspraxis zu verbessern und neue Möglichkeiten für den Einsatz von Cannabis in der Krebsbehandlung zu erschließen. 

Medizinischer Deep Dive: Cannabis in der Onkologie 

Das Endocannabinoid-System und Krebs 

Der biochemische Hintergrund für den Nutzen von Cannabis bei der Symptom-Behandlung liegt im Endocannabinoid-System (ECS). Das ECS ist ein komplexes Regulationssystem im menschlichen Körper und reguliert u. a.: 

  • Schmerzverarbeitung 
  • Entzündungsprozesse 
  • Appetit 
  • Stressreaktionen 

Neben den bereits angesprochenen Cannabinoiden gehören zum ECS: 

  • Endocannabinoide (Anandamid (AEA) und 2-Arachidonoylglycerol (2-AG)) 
  • Cannabinoid-Rezeptoren (CB1 und CB2) 
  • Cannabinoid-abbauende Enzyme (MAGL, FAAH) 

CB1- und CB2-Rezeptoren finden sich auch in Tumorgewebe. Präklinische Studien (Zellkulturen, Tiermodelle) zeigen, dass Cannabinoide: 

  • Apoptose (programmierten Zelltod) auslösen können 
  • Blutgefäß-Neubildung (Angiogenese) hemmen 
  • Tumorzellbewegung (Migration) beeinflussen 

Diese Effekte sind jedoch bislang nicht ausreichend auf den Menschen übertragbar belegt. 

In Untersuchungen konnte bereits gezeigt werden, das metabolische Lipid-Veränderungen an der Entstehung und Progression bösartiger Erkrankungen beteiligt sind. Lipide sind an der Steuerung einer Vielzahl von Signalwegen im Körper involviert. Ebenso ist die Bildung von Endocannabinoiden an den Lipid-Stoffwechsel gekoppelt [2]. In einer Studie aus dem Jahr 2014 wurde gezeigt, dass das Endocannabinoidsystem (ECS) an der Pathophysiologie des Melanoms beteiligt ist [3]. Die Serumlevel der Endocannabinoide, Anandamid und 2-Arachidonylglycerol, waren verändert. Ähnliche Ergebnisse wurden in anderen Studien mit tumorösem Kolorektal-, Lungen-, Brust- und Gehirngewebe erzielt [2]. Neben den Konzentrationsveränderungen der Endocannabinoide sind auch die Expression der Cannabinoidrezeptoren 1 und 2 (CB1 und CB2) sowie zahlreiche Signalwege und Enzyme des ECS bei verschiedenen Tumorerkrankungen dysreguliert [2]. Alle diese biochemischen Veränderungen sind an der Ausbildung der Tumormerkmale direkt oder indirekt beteiligt. So werden die Prozesse der Autophagie, Apoptose, Inflammation, Proliferation, Angiogenese und Metastasierung entscheidend durch das ECS beeinflusst [2]. Bei In-vitro-Untersuchungen bewirkten CBD und CBG die Einleitung der Apoptose von Tumorzellen und eine Verlangsamung ihres Wachstums sowie ihrer Invasions- und Wanderungsfähigkeit [4]. Des Weiteren konnte gezeigt werden, dass das ECS in der Lage ist, die Knochenmetastasierung von Brustkrebszellen zu erschweren, indem es die Interaktion zwischen Krebs- und Knochenzellen hemmt und das Wachstum der Krebszellen vermindert [5]. In einer In-vivo-Untersuchung wurden menschliche Adenokarzinomzellen auf Mäuse transplantiert. Mithilfe einer Behandlung mit einem Cannabisextrakt konnte ein Anstieg der Apoptose und eine verminderte Proliferation der Krebszellen nachgewiesen werden [8]. In einer weiteren präklinischen Studie konnte durch den Einsatz eines CB1-Agonisten und daraus resultierende Aktivierung des CB1-Rezeptors das Tumorwachstum in vitro und in vivo verringert werden [9]. Als Ursache für diesen Effekt identifizierten die Forscher eine Herunterregulierung des EGFR-Proteins, welches eine entscheidende Rolle beim Wachstum von Tumorzellen spielt. Trotz einiger vielversprechenden Ergebnisse präklinischer Studien konnten diese Ergebnisse bisher nicht in klinischen bzw. Patienten-basierten Studien bestätigt werden. Daher braucht es weitere Untersuchungen, um wissenschaftlich begründete Aussagen zur therapeutischen Wirksamkeit von Medizinalcannabis in der Onkologie treffen zu können. 

Aktuelle Erkenntnisse klinischer Studien 

In eine prospektive Studie aus Israel aus dem Jahr 2018 wurden 2970 Krebspatient:innen unterschiedlicher Tumorentitäten eingeschlossen [7]. Von den ausgewerteten 1211 Patient:innen berichteten 95,5 % eine Verbesserung ihrer Symptome. 3,7 % der Anwendenden verspürten keine Veränderungen und 0,3 % nahmen eine Verschlechterung wahr.  

Der Zwischenbericht der BfArM-Begleiterhebung [6] aus dem Jahr 2019 lieferte erste Zahlen aus Deutschland zur Verschreibung von Cannabis im onkologischen Zusammenhang: Bei 1034 Patientinnen und Patienten (25 %) lag eine bösartige Neubildung vor. Am häufigsten wurde Dronabinol (80 %) verschrieben, gefolgt von Cannabisblüten (11 %) und Sativex® (5 %). Ziel der Cannabistherapie war bei 49 % der Behandelten eine Schmerzlinderung sowie eine Linderung der Anorexie/Wasting (27 %), Spastik (2 %), Übelkeit/Erbrechen (13 %) bzw. eine Behandlung der unspezifischen Symptome wie Schlafstörungen, Unruhe, Anspannung, Fatigue und Appetitmangel (10 %). Der Therapieerfolg wurde dabei als moderat verbessert bis deutlich verbessert (Übelkeit/Erbrechen) von den Tumorpatientinnen und -patienten eingeschätzt.  

Eine aktuelle Beobachtungsstudie der Harvard Medcial School in Boston, USA, zeigt, dass eine anhaltende Cannabiseinnahme die Schmerzintensität und Schmerzstörung, die Schlafqualität sowie die subjektiven kognitiven Funktionen der Krebspatient:innen verbesserte. Die allgemeine Lebensqualität wurde jedoch nicht verändert [17].  

In einer britischen Studie konnte zudem gezeigt werden, dass Krebszellen durch den Einsatz von CBD empfindlicher gegenüber Chemotherapeutika werden [10]. Die Arbeitsgruppe schlussfolgert, dass CBD dazu führen könnte, dass eine niedrigere Dosis der Chemotherapeutika ausreicht.  

Darüber hinaus zeigte eine Studie an Glioblastomzellen, dass der Einsatz von THC und CBD die Strahlensensitivität der Zellen erhöhte [11]. Sowohl die verringerte Dosis der Chemotherapeutika als auch die geringere Strahlenbelastung können das Auftreten von Nebenwirkungen entscheidend reduzieren und somit die Lebensqualität der Patient:innen verbessern.  

Weitere Beobachtungsstudien konnten die unterstützenden bzw. Symptom-lindernden Effekte der Cannabinoide bereits bestätigen. In einer prospektiven Studie mit 324 Krebspatient:innen berichteten die meisten von einer signifikanten Verbesserung der Gesamtbelastung [12]. Zudem wurde die Cannabisbehandlung insgesamt gut vertragen. In einer weiteren Studie mit 46 Patient:innen konnten die Forschenden zeigen, dass THC chemo-sensorische Veränderungen linderte und den Nahrungsgenuss der Krebsleidenden verbesserte [13]. Weitere 30 Krebspatient:innen wurden in einer randomisierten, kontrollierten Interventionsstudie eingeschlossen [14]. Dabei zeigt sich, dass medizinisches Cannabis insbesondere als Begleitmedikation zur onkologischen Standardtherapie gut geeignet ist. Die als sicher beschriebene Cannabistherapie wurde gut vertragen und führte zu einer verbesserten Schmerzkontrolle in Kombination mit geringeren Opioid-Dosen.  

Eine Übersichtsarbeit von Vinette und seinen Mitarbeitenden wertete 62 primäre Studien aus und kam zu dem Ergebnis, dass Medizinalcannabis vor allem zur Behandlung von Schmerz, refraktorischer Übelkeit und Erbrechen und zur Verbesserung von Appetit und Nahrungsaufnahme eingesetzt wird [15]. In mehr als der Hälfte der ausgewerteten Studien wurde zudem von einer allgemeinen Verbesserung der Lebensqualität berichtet. Ebenso wurde in einer weiteren Studie durch den Einsatz von Cannabis eine Verbesserung der Schlaf- und Lebensqualität erzielt [16]. 

Cannabis als Add-on zur Krebstherapie? 

Einige aktuelle Studien untersuchen Cannabis als Begleittherapie zu Chemo- oder Immuntherapien. Dabei spielt ein interdisziplinäres Team aus Ärzt:innen, Onkologen und weiteren Fachkräften eine zentrale Rolle bei der Auswahl und Überwachung der Cannabistherapie. Patient:innen sollten Cannabinoid-Therapien zudem eng mit ihrem Onkologen bzw. ihrer Onkolgin abstimmen, um Nebenwirkungen zu minimieren. Diskutiert werden: 

  • mögliche Wechselwirkungen mit Immuncheckpoint-Inhibitoren 
  • Effekte auf Entzündungsmarker 
  • Einfluss auf Lebensqualität und Therapieadhärenz 

Die Ergebnisse sind nicht einheitlich, weshalb Fachgesellschaften derzeit empfehlen, Cannabis nicht unkritisch parallel, sondern individuell und indikationsbezogen einzusetzen. 

Leitlinien und ärztliche Einordnung 

Internationale onkologische Leitlinien sehen Cannabis aktuell: 

  • nicht als antitumorale Therapie 
  • aber als sinnvolle Option der supportiven Therapie, wenn Nutzen und Risiken sorgfältig abgewogen werden [1] 

Seit 2015 ist Nabilon, ein vollsynthetisches THC-Derivat, in Deutschland und Österreich unter dem Namen Canemes als Antiemetikum bei Übelkeit und Erbrechen unter Zytostatika oder Bestrahlungstherapie im Rahmen einer Krebstherapie zugelassen. 

Cannabis gilt in Deutschland als Arzneimittel und sollte ausschließlich auf ärztliche Verschreibung eingenommen werden. Seit März 2017 ist die medizinische Anwendung von Cannabisarzneimitteln bei Krebs gesetzlich erlaubt. Ärzte können verschiedene Formen von Cannabisarzneimitteln verschreiben, darunter Fertigarzneimittel und Cannabisblüten, wobei die orale Einnahme (z. B. Öle, Kapseln) bevorzugt wird und das Rauchen vermieden werden sollte. Die Verschreibung zu Lasten der Krankenversicherung erfolgt nur, wenn andere Behandlungen nicht ausreichend helfen oder nicht zur Verfügung stehen, bspw. unverhältnismäßige Nebenwirkungen verursachen. 

Fazit: Realistische Erwartungen sind entscheidend 

Cannabis kann für viele Krebspatient:innen eine wertvolle Unterstützung im Krankheitsverlauf sein – insbesondere zur Linderung belastender Symptome und zur Verbesserung der Lebensqualität. 

Was es nicht ist: 
 ein Krebsheilmittel 
 ein Ersatz für onkologische Standardtherapien 

Was es sein kann: 
 ein individuell eingesetzter Baustein moderner, patientenzentrierter Krebsmedizin. 

 

 

Quellen: 

[1] https://www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/medizinischer-cannabis-und-cannabinoide/@@guideline/html/index.html#ID0EEJAC abgerufen am 05.07.2023 

[2] Cherkasova, V., Wang, B., Gerasymchuk, M., Fiselier, A., Kovalchuk, O., & Kovalchuk, I. (2022). Use of Cannabis and Cannabinoids for Treatment of Cancer. Cancers, 14(20), 5142. 

[3] Sailler, S., Schmitz, K., Jäger, E., Ferreiros, N., Wicker, S., Zschiebsch, K., Pickert, G., Geisslinger, G., Walter, C., Tegeder, I., & Lötsch, J. (2014). Regulation of circulating endocannabinoids associated with cancer and metastases in mice and humans. Oncoscience, 1(4), 272–282. 

[4] Colvin, E. K., Hudson, A. L., Anderson, L. L., Kumar, R. P., McGregor, I. S., Howell, V. M., & Arnold, J. C. (2022). An Examination of the Anti-Cancer Properties of Plant Cannabinoids in Preclinical Models of Mesothelioma. Cancers, 14(15), 3813. 

[5] Khunluck, T., Lertsuwan, K., Chutoe, C., Sooksawanwit, S., Inson, I., Teerapornpuntakit, J., Tohtong, R., & Charoenphandhu, N. (2022). Activation of cannabinoid receptors in breast cancer cells improves osteoblast viability in cancer-bone interaction model while reducing breast cancer cell survival and migration. Scientific reports, 12(1), 7398. 

[6] Schmidt-Wolf, G., Cremer-Schaeffer, PBegleiterhebung zur Anwendung von Canabisarzneimitteln in Deutschland - Zwischenauswertung. Bundesgesundheitsbl 62, 845–854 (2019). 

[7] Bar-Lev Schleider, L., Mechoulam, R., Lederman, V., Hilou, M., Lencovsky, O., Betzalel, O., Shbiro, L., & Novack, V. (2018). Prospective analysis of safety and efficacy of medical cannabis in large unselected population of patients with cancer. European journal of internal medicine, 49, 37–43. 

[8] Sakarin, S., Meesiripan, N., Sangrajrang, S., Suwanpidokkul, N., Prayakprom, P., Bodhibukkana, C., Khaowroongrueng, V., Suriyachan, K., Thanasittichai, S., Srisubat, A., Surawongsin, P., & Rattanapinyopituk, K. (2022). Antitumor Effects of Cannabinoids in Human Pancreatic Ductal Adenocarcinoma Cell Line (Capan-2)-Derived Xenograft Mouse Model. Frontiers in veterinary science, 9, 867575. 

[9] Deng, Y. M., Zhao, C., Wu, L., Qu, Z., & Wang, X. Y. (2022). Cannabinoid Receptor-1 suppresses M2 macrophage polarization in colorectal cancer by downregulating EGFR. Cell death discovery, 8(1), 273. 

[10] Kosgodage, U. S., Mould, R., Henley, A. B., Nunn, A. V., Guy, G. W., Thomas, E. L., Inal, J. M., Bell, J. D., & Lange, S. (2018). Cannabidiol (CBD) Is a Novel Inhibitor for Exosome and Microvesicle (EMV) Release in Cancer. Frontiers in pharmacology, 9, 889. 

[11] Scott, K. A., Dalgleish, A. G., & Liu, W. M. (2014). The combination of cannabidiol and Δ9-tetrahydrocannabinol enhances the anticancer effects of radiation in an orthotopic murine glioma model. Molecular cancer therapeutics, 13(12), 2955–2967. 

[12] Aviram, J., Lewitus, G. M., Vysotski, Y., Amna, M. A., Ouryvaev, A., Procaccia, S., Cohen, I., Leibovici, A., Akria, L., Goncharov, D., Mativ, N., Kauffman, A., Shai, A., Bar-Sela, G., & Meiri, D. (2022). The Effectiveness and Safety of Medical Cannabis for Treating Cancer Related Symptoms in Oncology Patients. Frontiers in pain research (Lausanne, Switzerland), 3, 861037. 

[13] Brisbois, T. D., de Kock, I. H., Watanabe, S. M., Mirhosseini, M., Lamoureux, D. C., Chasen, M., MacDonald, N., Baracos, V. E., & Wismer, W. V. (2011). Delta-9-tetrahydrocannabinol may palliate altered chemosensory perception in cancer patients: results of a randomized, double-blind, placebo-controlled pilot trial. Annals of oncology : official journal of the European Society for Medical Oncology, 22(9), 2086–2093. 

[14] Zylla, D. M., Eklund, J., Gilmore, G., Gavenda, A., Guggisberg, J., Vazquez Benitez, G., Pawloski, P. A., Arneson, T., Richter, S., Birnbaum, A. K., Dahmer, S., Tracy, M., & Dudek, A. (2021). A randomized trial of medical cannabis in patients with stage IV cancers to assess feasibility, dose requirements, impact on pain and opioid use, safety, and overall patient satisfaction. Supportive care in cancer : official journal of the Multinational Association of Supportive Care in Cancer, 29(12), 7471–7478. 

[15] Vinette, B., Côté, J., El-Akhras, A., Mrad, H., Chicoine, G., & Bilodeau, K. (2022). Routes of administration, reasons for use, and approved indications of medical cannabis in oncology: a scoping review. BMC cancer, 22(1), 319. 

[16] Schloss, J., Lacey, J., Sinclair, J., Steel, A., Sughrue, M., Sibbritt, D., & Teo, C. (2021). A Phase 2 Randomised Clinical Trial Assessing the Tolerability of Two Different Ratios of Medicinal Cannabis in Patients With High Grade Gliomas. Frontiers in oncology, 11, 649555. 

[17] Giordano G., Martin-Willett R., Gibson L. P., Camidge D. R., Bowles D. W., Hutchison K.E., Bryan A. D. (2023). Cannabis use in cancer patients: acute and sustained associations with pain, cognition, and quality of life. Explor Med, 4, 254–71. 

[18] Reddy AC, Hampton JM, Park SJ, Dickerson F, Shah J, Chewning B, Schmitz N, Trentham-Dietz A. Measuring the Effects of Cannabis on Anxiety and Depression Among Cancer Patients. Cancer Med. 2025 Nov;14(21):e71342.  

 

 
 

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