Cannabis & Fruchtbarkeit beim Mann: Einfluss auf Spermien, Hormone und Kinderwunsch
Veröffentlicht am: 19.02.2026
Key Facts
- THC kann Spermienzahl, Beweglichkeit (Motilität) und Morphologie negativ beeinflussen.
- Das Endocannabinoid-System (ECS) spielt eine zentrale Rolle in Hodenfunktion und Spermienreifung.
- Regelmäßiger, hochdosierter Cannabiskonsum steht im Zusammenhang mit verminderter Spermaqualität.
- Die Effekte sind in vielen Fällen reversibel – nach mehreren Wochen Abstinenz kann sich die Spermaparameter verbessern.
- Die Datenlage ist teils widersprüchlich, abhängig von Konsumhäufigkeit, Dosis und individueller Biologie.
Immer mehr Männer im reproduktionsfähigen Alter konsumieren Cannabis – medizinisch oder privat. Gleichzeitig rückt das Thema männliche Fruchtbarkeit stärker in den Fokus. Die zentrale Frage, wie sich Cannabis auf die Fruchtbarkeit des Mannes auswirkt, insbesondere in Bezug auf Spermienqualität, Testosteronspiegel und Zeugungsfähigkeit, steht dabei im Mittelpunkt der aktuellen Diskussion. Und was bedeutet das konkret für Paare mit Kinderwunsch?
In diesem Beitrag beleuchten wir die aktuelle Studienlage, erklären mögliche Wirkmechanismen und geben praktische Empfehlungen.
Wie beeinflusst Cannabis die Fruchtbarkeit beim Mann?
Wirkung auf das Endocannabinoid-System
Der menschliche Körper besitzt ein eigenes Endocannabinoid-System (ECS). Dieses Regulationssystem ist unter anderem beteiligt an:
- Hormonsteuerung
- Spermienentwicklung (Spermatogenese)
- Beweglichkeit der Spermien
- Reifungsprozessen im Hoden
Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) ist der psychoaktive Hauptwirkstoff von Cannabis. Die biologischen Eigenschaften des Spermiums sind entscheidend für die männliche Fruchtbarkeit: Die Hauptaufgabe eines Spermiums besteht darin, die Eizelle zu befruchten. Auf dem Weg zur Eizelle benötigen Spermien viel Energie, um ihr Ziel – die erfolgreiche Befruchtung des Eis – zu erreichen.
„Cannabis macht nicht automatisch unfruchtbar –
aber es kann hormonelle Prozesse beeinflussen,
die für die Zeugungsfähigkeit entscheidend sind.“ -
Dr. Nadine Herwig, Leiterin der Grünhorn Academy
Cannabinoide wie THC können an Cannabinoid-Rezeptoren (CB1 und CB2) binden – auch in den Hoden und Spermien selbst. Dadurch können natürliche Abläufe gestört werden.
Cannabis und Spermienqualität
Mehrere Studien deuten darauf hin, dass regelmäßiger Cannabiskonsum folgende Veränderungen bewirken kann:
Spermienzahl
Einige Untersuchungen zeigen eine reduzierte Spermienkonzentration bei häufigem Konsum1. Besonders betroffen scheinen Männer zu sein, die mehrmals pro Woche oder täglich konsumieren.
Beweglichkeit (Motilität)
THC kann die Beweglichkeit der Spermien herabsetzen1. Da die aktive Fortbewegung entscheidend für das Erreichen der Eizelle ist, kann dies die Befruchtungswahrscheinlichkeit senken.
Morphologie
Veränderungen der Spermienform wurden ebenfalls beschrieben – was die Befruchtungsfähigkeit zusätzlich beeinträchtigen kann1.
Einfluss auf Testosteron und Hormone
Die Studienlage zum Testosteronspiegel ist uneinheitlich:
- Manche Studien zeigen eine kurzfristig Beeinflussung der Hormonachse (Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse) durch THC3.
- Einige Studien zeigen leicht reduzierte Testosteronwerte bei chronischem Konsum5.
- Andere Untersuchungen fanden keine signifikanten Unterschiede4.
Entscheidend scheinen die Dosis und Konsumfrequenz zu sein.
Risiken und Nebenwirkungen von Cannabis auf die männliche Fruchtbarkeit
Der Konsum von Cannabis bringt verschiedene Risiken mit sich, die sich direkt auf die Zeugungsfähigkeit auswirken können. Studien zeigen deutlich, dass regelmäßiger Cannabiskonsum die Spermienqualität erheblich beeinträchtigen kann. Besonders betroffen sind die Anzahl der Spermien, wie beweglich sie sind und wie sie aussehen – alles Faktoren, die entscheidend dafür sind, ob erfolgreich Nachwuchs gezeugt werden kann. Wenn das Spermienvolumen reduziert ist und die Form der Spermien verändert wird, steigt das Risiko für Unfruchtbarkeit deutlich an und der Kinderwunsch könnte sich als ziemlich schwierig erweisen.
Dazu kommt noch etwas anderes: Cannabis kann die Zeugungsfähigkeit durch eine Beeinträchtigung der Hormonproduktion weiter verringern, besonders wenn es um Testosteron geht. Testosteron spielt eine zentrale Rolle dabei, wie die Spermien gebildet werden und wie gut die männliche Fortpflanzungsfähigkeit funktioniert. Wenn der männliche Hormonhaushalt gestört ist, sinken die Chancen auf eine erfolgreiche Befruchtung zusätzlich.
Bei bestehendem Kinderwunsch, ist es daher ratsam, den Cannabiskonsum kritisch zu hinterfragen. Ein bewusster Verzicht oder zumindest eine deutliche Reduktion des Konsums kann dabei helfen, die Fruchtbarkeit zu schützen und die Chancen auf eine gesunde Fortpflanzung zu erhöhen.
Ist der Effekt dauerhaft?
Die gute Nachricht:
Spermien werden kontinuierlich neu gebildet – ein vollständiger Reifungszyklus dauert etwa 72–90 Tage.
Das bedeutet:
Bei vielen Männern kann sich die Spermienqualität nach etwa 4 Monaten Abstinenz wieder normalisieren2.
Langfristige Schäden sind nach aktuellem Stand vor allem bei extremem oder sehr frühem Dauerkonsum möglich – die Datenlage ist hier jedoch noch nicht abschließend.
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Lebensstil, Cannabis-Konsum und Fortpflanzung
Der Lebensstil spielt tatsächlich eine entscheidende Rolle für die Fortpflanzungsfähigkeit – und der Cannabiskonsum ist dabei ein wichtiger Faktor, der beeinflusst werden kann. Ein gesunder Lebensstil mit ausgewogener Ernährung, regelmäßiger Bewegung und ausreichend Schlaf kann die Spermienqualität und damit die Zeugungsfähigkeit positiv beeinflussen. Im Gegensatz dazu kann ein ungesunder Lebensstil, zu dem auch der nicht-medizinische, unkontrollierte Konsum von Cannabis zählt, die Fruchtbarkeit deutlich verschlechtern.
Cannabiskonsum kann die Spermienqualität zusätzlich zu anderen belastenden Lebensstilfaktoren wie Stress, Alkohol oder Bewegungsmangel weiter beeinträchtigen. Die Kombination mehrerer ungünstiger Einflüsse erhöht das Risiko für Fruchtbarkeitsprobleme erheblich und kann den Kinderwunsch erschweren.
Darüber hinaus ist es sinnvoll, die Spermienqualität regelmäßig überprüfen zu lassen – besonders bei Kinderwunsch oder dann, wenn bereits Probleme bei der Zeugung aufgetreten sind. So können mögliche Nebenwirkungen des Cannabiskonsums frühzeitig erkannt und gezielt angegangen werden.
Cannabis bei Kinderwunsch: Was empfehlen Expert:innen?
Wenn ein konkreter Kinderwunsch besteht, empfehlen Reproduktionsmediziner häufig:
- Mindestens 3 Monate vor geplanter Zeugung auf Cannabis verzichten
- Auch auf Mischkonsum mit Nikotin oder Alkohol achten
- Bei bekannten Fruchtbarkeitsproblemen ärztliche Beratung einholen
- Spermiogramm durchführen lassen
Gerade bei unerfülltem Kinderwunsch kann Cannabis ein beeinflussbarer Faktor sein.
Medizinisches Cannabis – gilt das Gleiche?
Auch bei medizinischem Cannabis gilt:
THC-haltige Präparate können potenziell Einfluss auf die Spermatogenese haben.
Unterschiede können bestehen bei:
- Dosierung
- THC/CBD-Verhältnis
- Einnahmeform
CBD (Cannabidiol) scheint nach aktuellem Kenntnisstand weniger stark in hormonelle Prozesse einzugreifen als THC – allerdings ist auch hier die Studienlage noch begrenzt.
Für wen ist besondere Vorsicht geboten?
Ein Verzicht oder zumindest eine ärztliche Rücksprache ist besonders ratsam bei:
- Bestehendem unerfülltem Kinderwunsch
- Bereits eingeschränktem Spermiogramm
- Hormonstörungen
- Kinderwunschtherapie (IVF, ICSI etc.)
Fazit: Cannabis und Fruchtbarkeit beim Mann
Cannabis – insbesondere THC – kann die männliche Fruchtbarkeit beeinflussen, vor allem bei regelmäßigem und hochdosiertem Konsum. Die Auswirkungen betreffen vor allem Spermienzahl, Beweglichkeit und möglicherweise hormonelle Prozesse.
Die Effekte sind häufig reversibel – dennoch sollten Männer mit Kinderwunsch ihren Konsum kritisch reflektieren und gegebenenfalls pausieren.
Quellen:
[1] Payne KS, Mazur DJ, Hotaling JM, Pastuszak AW. Cannabis and Male Fertility: A
Systematic Review. J Urol. 2019 Oct;202(4):674-681. doi:
10.1097/JU.0000000000000248.
[2] THC könnte Spermienqualität senken | PZ – Pharmazeutische Zeitung abgerufen am
19.02.2026
[3] Erukainure OL, Nambooze J, Chukwuma CI. Phytocannabinoids and Male Fertility:
Implications of Cannabis sativa and the Endocannabinoid System in Reproductive
Regulation. Plants (Basel). 2026 Feb 3;15(3):473. doi: 10.3390/plants15030473.
[4] Teixeira TA, Iori I, Andrade G, Saldiva PHN, Drevet JR, Costa EMF, Hallak J. Marijuana Is
Associated With a Hormonal Imbalance Among Several Habits Related to Male Infertility:
A Retrospective Study. Front Reprod Health. 2022 Feb 17;4:820451. doi:
10.3389/frph.2022.820451.
[5] Fantus RJ, Lokeshwar SD, Kohn TP, Ramasamy R. The effect of tetrahydrocannabinol on
testosterone among men in the United States: results from the National Health and
Nutrition Examination Survey. World J Urol. 2020 Dec;38(12):3275-3282. doi:
10.1007/s00345-020-03110-5.