Cannabis im Sport: Nutzen, Doping-Regeln, THC-Abbau und Risiken erklärt

Key Facts: Cannabis und Sport: Nutzen, Doping-Regelung, Abbau von THC und Risiken

  • Cannabis, vor allem CBD, kann insbesondere nach dem Sport u.a. zur Schmerzlinderung, Entzündungshemmung, Regeneration, Stressreduktion und Erholung eingesetzt werden.
  • THC steht auf der Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur, nicht aber CBD.
  • Das „Runner´s High“ wird durch das körpereigene Endocannabinoid, Anandamid, ausgelöst.
  • Körperliche Aktivität führt zu einer Mobilisierung von Fettzellen, in denen THC gespeichert wird, so dass der THC-Gehalt im Blut vorübergehend erhöht sein kann.
  • Bei der Einnahme von Cannabis während des Trainings sollte auf kognitive und motorische Beeinträchtigungen insbesondere bei Therapieneueinstellung und -umstieg geachtet werden.

Cannabis hat in den letzten Jahren zunehmend Aufmerksamkeit in der Sportwelt erlangt. Während einige Athleten es als nützliches Hilfsmittel betrachten, stehen andere den potenziellen Risiken und rechtlichen Problemen skeptisch gegenüber. In diesem Beitrag werfen wir einen Blick auf die potenziellen Vorteile und Risiken von Cannabis im Sport, aktuelle Vorgaben der Dopingagentur, den Abbau von THC beim Sport sowie den Mythos des „Runner´s High“.

Potenzielle Vorteile von Cannabis im Sport

Der Einsatz von Cannabis im Sport kann mit verschiedenen Eigenschaften verbunden sein, die individuell variieren können:

  • Schmerzlinderung und Entzündungshemmung: THC und CBD haben schmerzlindernde Eigenschaften, wobei CBD besonders für seine entzündungshemmenden Wirkungen bekannt ist. Diese Eigenschaften können Athleten helfen, Schmerzen und Entzündungen nach intensiven Trainingseinheiten oder Wettkämpfen zu lindern [1]. Schätzungen zufolge nutzen über 80% der Athleten der amerikanischen Football-Liga CBD [2].
  • Unterstützung bei der Knochenheilung: Eine Studie an Ratten zeigte, dass CBD bei Knochenverletzungen helfen kann [3]. In dem es die Kollagen-Vernetzung in der Knochensubstanz fördert, führte die CBD-Gabe zu einer signifikant schnelleren Knochenheilung.
  • Regeneration und Schlaf: Cannabis kann die Muskelentspannung unterstützen, indem es Muskelkrämpfe und Verspannungen reduziert, was die Erholung nach dem Training beschleunigen kann [1, 2]. Zudem ist ausreichender Schlaf für die Erholung und Leistung von Sportlern entscheidend. THC hat sedative Eigenschaften, die helfen können, den Schlaf zu fördern. CBD wiederum kann die Schlafqualität verbessern, ohne psychoaktive Effekte zu verursachen, und somit die Erholung unterstützen.
  • Angst- und Stressreduktion: Viele Sportler leiden unter Leistungsangst und Stress, insbesondere vor wichtigen Wettkämpfen. CBD ist bekannt für seine angstlösenden Eigenschaften, die Athleten helfen können, ruhiger und konzentrierter zu bleiben [4].
  • Steigerung der Konzentration und mentalen Gesundheit: Einige Athleten berichten, dass bestimmte Cannabis-Sorten, besonders solche mit einem höheren CBD-Gehalt, ihnen helfen, sich besser zu konzentrieren und fokussierter zu bleiben [1]. Cannabis kann helfen, die Stimmung zu verbessern und Symptome von Depressionen und Angstzuständen zu lindern, was die allgemeine Lebensqualität und die Motivation zum Sport treiben erhöhen kann [5, 6].
  • Förderung der Durchblutung: THC kann die Durchblutung verbessern, was theoretisch die Sauerstoffzufuhr zu den Muskeln erhöhen könnte.

Aktuelle rechtliche Vorgaben - Dopingagentur

Der Gebrauch von Cannabis ist in vielen Ländern und Sportorganisationen nach wie vor illegal oder eingeschränkt. Sportler, die Cannabis verwenden, riskieren, gegen Dopingregeln zu verstoßen und Disqualifikationen oder andere Strafen zu erleiden.

Laut der Verbotsliste der WADA (Welt Anti Doping Agentur) 2024 sind alle natürlichen und synthetischen Cannabinoide innerhalb des Wettkampfes verboten. Seit 1999 steht THC auf dieser Liste. Das schließt folgendes ein:

  • Phytocannabinoide (mit Ausnahme von CBD) in Form von Cannabisblüten und Cannabisharz
  • natürliches und synthetisches THC
  • synthetische Cannabinoide, welche die Wirkungen von THC nachahmen (z.B. Nabilon).
Für die Trainingsphase besteht jedoch kein explizites Verbot, im Gegensatz zu anderen Substanzen, wie beispielsweise Anabolika, die zu jeder Zeit verboten sind.
Als Cannabis auf die Verbotsliste gesetzt wurde, war es in fast allen Ländern verboten. Seither sind in manchen Ländern Legalisierungen von medizinischem Cannabis, als auch Cannabis zum Freizeitgebrauch in Kraft getreten. Infolgedessen wurde die Nachweisegrenze bei den Urintests von 15 ng/ml auf 150 ng/ml THC erhöht.

Was hat Cannabis mit dem “Runner's High” zu tun?

Ein Runner’s High, das bei Ausdauersport auftreten kann, führt oft zu Euphorie und geringerer Ängstlichkeit. Lange Zeit wurde angenommen, dass dies durch die erhöhte Ausschüttung von Endorphinen, den körpereigenen Opioiden, verursacht wird. Wissenschaftler des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) haben jedoch in einer Studie gezeigt, dass dieser Effekt auf eine andere Klasse belohnender Moleküle zurückzuführen ist [7].

Neben β-Endorphin produziert der Körper beim Ausdauersport auch das Endocannabinoid Anandamid. Diese körpereigenen Cannabinoide binden an die gleichen Rezeptoren wie die Cannabinoide aus dem medizinischem Cannabis und haben daher ebenso schmerzlindernde, angstlösende und leicht euphorisierende Eigenschaften [8].

Um zu beweisen, dass Endocannabinoide und nicht Endorphine die Hauptrolle beim Runner’s High spielen, blockierten die Forscher:innen bei einigen Probanden medikamentös die Endorphin-Rezeptoren, während andere ein Placebo erhielten. Beide Gruppen erlebten nach dem Sport Euphorie und reduzierte Ängstlichkeit, auch in angsteinflößenden Virtual-Reality-Szenarien. Die Blockade der Endorphin-Rezeptoren beeinflusste das Runner’s High nicht, was zeigt, dass Endocannabinoide entscheidend sind [7].

Diese Ergebnisse bestätigen frühere Studien an Mäusen [9] und unterstützen die Hypothese, dass Endorphine die Blut-Hirn-Schranke nicht überwinden können, um die euphorisierenden Effekte auszulösen, im Gegensatz zum fettlöslichen Endocannabinoid Anandamid. Dieser Mechanismus ist evolutionär betrachtet alt und diente dazu, Lebewesen zu motivieren, lange Strecken zurückzulegen, indem er Euphorie und verringerte Angst auslöst.

Wird THC schneller abgebaut durch Sport?

Diese Frage ist komplex und abhängig von verschiedenen Faktoren:

  • Mobilisierung von THC durch Sport: Es gibt Hinweise darauf, dass körperliche Aktivität den Abbau von THC beeinflussen kann. THC wird im Fettgewebe gespeichert, und Sport kann durch die Mobilisierung von Fettzellen den THC-Gehalt im Blut vorübergehend erhöhen. Heißt also, je intensiver und länger die körperliche Aktivität ist, desto mehr Fettzellen werden mobilisiert. Personen mit höherem Körperfettanteil speichern zudem mehr THC, welches entsprechend durch Sport mobilisiert werden kann.
  • Studienlage: Eine Studie an Mäusen hat gezeigt, dass körperliche Betätigung den THC-Spiegel im Blut erhöhen kann, weil gespeichertes THC aus dem Fettgewebe freigesetzt wird​ [10]​. Eine ähnliche Beobachtung wurde bei einer kleinen Studie mit Cannabis-Konsumenten gemacht, bei der eine Stunde auf dem Laufband den THC-Spiegel im Blut ansteigen ließ.
  • Cannabinoid-Metabolismus: Sport kann den Metabolismus ankurbeln, was theoretisch auch den Abbau von THC beschleunigen könnte. Allerdings gibt es bisher keine klaren Belege dafür, dass die regelmäßige Einnahme oder der Stoffwechsel von THC durch Sport langfristig signifikant beeinflusst wird.
  • Auswirkungen auf den THC-Nachweis: Sport kann kurzfristig den THC-Gehalt im Blut erhöhen, was bei entsprechenden Tests relevant sein könnte. Langfristig könnte regelmäßiger Sport jedoch helfen, den Körperfettanteil zu reduzieren und somit die Gesamtspeicher von THC im Körper zu verringern.

Risiken und Bedenken

Bei der Einnahme von Cannabis vor, während oder nach dem Sport sollten folgende Punkte beachtet werden:

  • Kognitive und motorische Beeinträchtigungen: THC kann kognitive und motorische Funktionen beeinträchtigen, was das Unfallrisiko während des Trainings oder Wettbewerbs erhöhen kann. Diese Beeinträchtigungen können auch die Leistungsfähigkeit negativ beeinflussen.
  • Abhängigkeit und Toleranzentwicklung: Langfristiger und häufiger Gebrauch von THC-haltigen Produkten kann zu einer psychischen Abhängigkeit und einer Erhöhung der Toleranz führen, was bedeutet, dass immer höhere Dosen benötigt werden, um die gleichen Effekte zu erzielen.

Fazit

Cannabis kann für Sportler sowohl Vorteile als auch Risiken mit sich bringen. Während die schmerzlindernden, entzündungshemmenden und beruhigenden Eigenschaften von THC und CBD vielversprechend sind, müssen die potenziellen kognitiven Beeinträchtigungen und rechtlichen Hürden berücksichtigt werden. Die Forschung in diesem Bereich entwickelt sich weiter, und es ist wichtig, dass Athleten gut informiert und vorsichtig mit der Nutzung von Cannabis umgehen.

Für diejenigen, die Cannabis in ihre Regeneration und ihren Trainingsalltag integrieren möchten, ist es ratsam, dies in Absprache mit medizinischen Fachleuten zu tun und sich über die geltenden Regeln und Vorschriften ihrer Sportorganisationen zu informieren.

Quellen:

[1] McCartney D, Benson MJ, Desbrow B, Irwin C, Suraev A, McGregor IS. Cannabidiol and Sports Performance: a Narrative Review of Relevant Evidence and Recommendations for Future Research. Sports Med Open. 2020 Jul 6;6(1):27. 
[2] https://www.zeitschrift-sportmedizin.de/cannabis-bei-sportlern-beliebt-rauschmittel-medizin-oder-doping/3/ abgerufen am 27.05.2024
[3] Kogan NM, Melamed E, Wasserman E, Raphael B, Breuer A, Stok KS, Sondergaard R, Escudero AV, Baraghithy S, Attar-Namdar M, Friedlander-Barenboim S, Mathavan N, Isaksson H, Mechoulam R, Müller R, Bajayo A, Gabet Y, Bab I. Cannabidiol, a Major Non-Psychotropic Cannabis Constituent Enhances Fracture Healing and Stimulates Lysyl Hydroxylase Activity in Osteoblasts. J Bone Miner Res. 2015 Oct;30(10):1905-13.
[4] Gibson LP, Giordano GR, Bidwell LC, Hutchison KE, Bryan AD. Acute Effects of Ad Libitum Use of Commercially Available Cannabis Products on the Subjective Experience of Aerobic Exercise: A Crossover Study. Sports Med. 2024 Apr;54(4):1051-1066.
[5] YorkWilliams SL, Gust CJ, Mueller R, Bidwell LC, Hutchison KE, Gillman AS, Bryan AD. The New Runner's High? Examining Relationships Between Cannabis Use and Exercise Behavior in States With Legalized Cannabis. Front Public Health. 2019 Apr 30;7:99. 
[6] Bilkei-Gorzo A, Albayram O, Draffehn A, Michel K, Piyanova A, Oppenheimer H, Dvir-Ginzberg M, Rácz I, Ulas T, Imbeault S, Bab I, Schultze JL, Zimmer A. A chronic low dose of Δ9-tetrahydrocannabinol (THC) restores cognitive function in old mice. Nat Med. 2017 Jun;23(6):782-787
[7] Siebers M, Biedermann SV, Bindila L, Lutz B, Fuss J. Exercise-induced euphoria and anxiolysis do not depend on endogenous opioids in humans. Psychoneuroendocrinology. 2021 Apr;126:105173.
[8] https://ptaforum.pharmazeutische-zeitung.de/deshalb-macht-laufen-high-124081/ abgerufen am 27.05.2024
[9] Fuss J, Steinle J, Bindila L, Auer MK, Kirchherr H, Lutz B, Gass P. A runner's high depends on cannabinoid receptors in mice. Proc Natl Acad Sci U S A. 2015 Oct 20;112(42):13105-8.
[10] García-Gutiérrez MS, Navarrete F, Gasparyan A, Austrich-Olivares A, Sala F, Manzanares J. Cannabidiol: A Potential New Alternative for the Treatment of Anxiety, Depression, and Psychotic Disorders. Biomolecules. 2020 Nov 19;10(11):1575.

Autor: Dr. Nadine Herwig
Dr. Nadine Herwig - Leiterin Grünhorn Academy
Dr. Nadine Herwig studierte von 2006 bis 2010 Angewandte Naturwissenschaften an der Technischen Universität Bergakademie Freiberg. Ihre Promotion führte sie am Helmholtz-Zentrum in Dresden-Rossendorf am Institut für Radiopharmazie durch. Zu ihren bislang publizierten wissenschaftlichen Arbeiten gehören u. a. Originalartikel auf dem Gebiet der Hautkrebsforschung und der Biomarker.