Einsatz von medizinischem Cannabis bei Endometriose
Aktualisiert am 03.03.2026
Key Facts
- Endometriose betrifft etwa jede 10. Frau und ist eine der häufigsten Ursachen für chronische Unterbauchschmerzen und unerfüllten Kinderwunsch.
- Das Endocannabinoid-System (ECS) spielt eine zentrale Rolle bei Schmerzregulation, Entzündung und Immunprozessen – und könnte bei Endometriose dysreguliert sein.
- THC und CBD wirken schmerzlindernd, entzündungshemmend und krampflösend und können Endometriose-assoziierte Beschwerden gezielt modulieren.
- Studien zeigen: Viele Patientinnen berichten unter medizinischem Cannabis von reduzierten Schmerzen, besserem Schlaf und geringerem Bedarf an klassischen Schmerzmitteln.
- Cannabinoide sind inzwischen in der gynäkologischen Leitlinie als Therapieoption bei chronischen Unterbauchschmerzen aufgeführt – weitere Forschung läuft.
Einführung in die Endometriose
Endometriose ist eine chronische Erkrankung, die in Deutschland etwa jede zehnte Frau betrifft und damit zu den häufigsten gynäkologischen Leiden zählt. In Deutschland erkranken schätzungsweise 40.000 Frauen jedes Jahr an Endometriose. Die Ursache der Endometriose sind Zysten und Entzündungsherde, sogenannte Endometrioseherde, die außerhalb der Gebärmutter auftreten. Diese Gewebe ähneln dem Gebärmuttergewebe und unterliegen ebenso zyklischen Schwankungen. Da diese jedoch nicht im Verlauf der Menstruation abgestoßen werden können, kommt es in der Folge zu Gewebevernarbungen und -verhärtungen an umliegenden Organen wie Eierstöcken oder Därmen.
Viele Frauen leiden unter starken Regelschmerzen, die vom Unterleib bis in den Rücken bzw. die Beine ausstrahlen können, chronischen Unterbauchschmerzen und wiederkehrenden Entzündungen, die das tägliche Leben zur Herausforderung machen. Neben Schmerzen treten häufig auch Symptome wie Müdigkeit, Übelkeit, Erbrechen und Verdauungsprobleme auf - Beschwerden, die oft unterschätzt werden, aber die Lebensqualität stark einschränken können. Zudem stellt die Endometriose eine Hauptursache für unerfüllten Kinderwunsch dar, sodass die Erkrankung nicht selten auch mit einer psychischen Belastung einhergeht.
Die bisherige schulmedizinische Behandlung der Endometriose sieht meist eine operative Entfernung der Endometrioseherde in Kombination mit Schmerzmitteln und einer hormonellen Behandlung zur Verhinderung des erneuten Aufbaus des gebärmutterähnlichen Gewebes vor. Diese Therapie ist jedoch oft mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden. Nicht zuletzt wird aufgrund der hormonellen Behandlung die Fruchtbarkeit der Frauen sehr stark eingeschränkt.
In den letzten Jahren rückt der Fokus der medizinischen und wissenschaftlichen Diskussion zunehmend auf die Cannabis-Therapie bei Endometriose. Dabei wird medizinisches Cannabis als innovative Medizin betrachtet, die als ergänzende Option zur bestehenden Schmerztherapie eingesetzt werden kann, um die Lebensqualität der Patientinnen aus einer neuen Perspektive zu verbessern. Besonders die verschiedenen Substanzen wie THC und CBD spielen in der Cannabis-Therapie eine wichtige Rolle, da sie unterschiedliche Wirkmechanismen aufweisen. Dennoch bleiben viele Frage offen, insbesondere hinsichtlich Langzeitwirkungen, optimaler Wirkstoffverhältnisse und der Integration in die Versorgungspraxis.
Die gute Nachricht gleich vorweg: Im Rahmen der Erneuerung der Behandlungsleitlinie der Deutschen, Österreichischen und Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe wurde Behandlung mit Cannabinoiden bereits als eine der "Therapieoptionen der medikamentösen Schmerztherapie chronischer Unterbauchschmerzen" hinzugefügt.
Rolle des Endocannabinoid-Systems
Die genauen Ursachen, die zur Entstehung der Endometriose führen, sind nach wie vor unklar. Diskutiert wird über eine genetische Komponente, aber auch eine Störung des Hormon- oder Immunsystems, ein bakterieller Befall der Beckenumgebung, eine retrograde Menstruation, unkoordinierte Muskelbewegungen der Gebärmutter oder chemische Schadstoffe in der Umwelt (u.a. Dioxine, PCB) werden als mögliche Ursachen angeführt. Das Endocannabinoid-System (ECS) ist dabei an der Regulation von Schmerz, Stimmung, Schlaf und Immunprozessen beteiligt und könnte eine Rolle bei der Entstehung und Symptomatik der Endometriose spielen.
Endocannabinoide sind natürliche, vom menschlichen Körper produzierte Cannabinoide. Sie erfüllen unterschiedliche biologische Funktionen und aktivieren die bekannten Cannabinoidrezeptoren CB1 und CB2. Cannabinoide wie THC und CBD wirken über das ECS und können Schmerzen sowie Entzündungen modulieren. Eine Studie aus dem Jahr 2017 belegte bereits, dass die Hemmung des CB1-Rezeptors nachgeschaltete Signalwege beeinflusste und so die schmerzvermittelnde Reizweiterleitung hemmte1. THC bindet stark an CB1-Rezeptoren und beeinflusst dadurch die Schmerzwahrnehmung. Des Weiteren konnte eine hohe Expression an CB1- und CB2-Rezeptoren in Endometriumgewebe nachgewiesen werden2. Da Cannabinoid-Rezeptoren mit der Vermittlung von Endometriose-assoziierten chronischen Schmerzen und Immunreaktionen in Verbindung gebracht werden, könnten diese Ergebnisse bei der Entwicklung neuer Therapieansätze entscheidend sein. CBD besitzt anti-entzündliche, angstlösende und neuroprotektive Effekte.
In einer weiteren Studie wurde gezeigt, dass zahlreiche CB1-Rezeptoren in Neuronen vorhanden sind, die das abnormale Wachstum der Endometriose anregen3. CBD kann zudem entzündungshemmende und antioxidative Eigenschaften haben, die Reizungen im Vaginalbereich und Entzündungsprozesse der Endometrioseherde reduzieren können. Somit scheint es naheliegend, dass Endometriosen mit einem klinischen Endocannabinoid-Mangel einhergehen können. Um diesen Mangel auszugleichen, bietet die Therapie mit medizinischem Cannabis einen vielversprechenden Ansatz.
Grünhorn Academy Podcast
#12 Medizinisches Cannabis und Endometriose: Eine persönliche Erfahrung
Potenzial der Cannabis-Therapie
Medizinalcannabis hat antiproliferative Wirkung. Das heißt, es kann die Vermehrung von Gebärmuttergewebe außerhalb der Gebärmutter vermindern4. Zudem hat es schmerzlindernde Eigenschaften und kann daher die Endometriose-bedingte Schmerzen lindern5. Die Verträglichkeit wird dabei deutlich höher eingeschätzt als dies beispielsweise bei Opiaten der Fall ist. Des Weiteren besitzen Cannabinoide entzündungshemmende und krampflösende Wirkung.
„Wenn wir verstehen, wie eng Schmerz, Entzündung und das
Endocannabinoid-System miteinander verknüpft sind,
wird deutlich, warum Cannabinoide bei Endometriose eine
neue Perspektive auf Lebensqualität ermöglichen können.“
– Dr. Nadine Herwig, Leiterin der Grünhorn Academy
Die Einnahme von Cannabinoiden kann dem Ungleichgewicht von Endocannabinoiden und Cannabinoidrezeptoren, wie es bei den Betroffenen nachgewiesen wurde, entgegenwirken.
Aktuelle Studienlage zur Cannabinoid-Therapie
Im Rahmen einer Studie wurden 252 Patientinnen zum Einsatz von Medizinalcannabis bei ihrer Endometriose befragt6. Die Wirkung des Cannabis wurde dabei von den Patientinnen selbst eingeschätzt. Das am häufigsten angegebene behandelte Symptom war Schmerz. Am stärksten war die Wirkung von Cannabis gegen gastrointestinale Schmerzen. Inhaliertes Cannabis zeigte die beste Wirkung gegen Schmerzen und oral eingenommenes Cannabis gegen Stimmungsschwankungen und gastrointestinale Schmerzen. Ergänzend dazu liefert eine klinische Pilotstudie an der Charité Berlin erste Erkenntnisse zur Wirksamkeit und Sicherheit von Cannabis bei Endometriose.
Viele Patientinnen berichten, dass Cannabis nicht nur Schmerzen, sondern auch Schlafstörungen und emotionalen Stress lindert. Besonders die Verbesserung des Schlafs wird häufig als positiver Effekt hervorgehoben. Rund die Hälfte der Frauen konnte unter Cannabis-Anwendung den Konsum anderer Schmerzmittel reduzieren. Zudem kombinieren viele Patientinnen verschiedene Cannabisprodukte, um ihre Behandlung individuell an ihre Symptome anzupassen. Viele empfinden inhalierte Cannabisprodukte als schneller wirksam im Vergleich zu oralen Formen.
Australische Forscher befragten 237 Endometriose-Patientinnen nach ihren Erfahrungen zum Einsatz von medizinischem Cannabis7. 72 % der australischen und 88 % der neuseeländischen Befragten gaben an, sich Cannabis illegal selbst zu verabreichen. Nur 23 % der australischen und 6 % der neuseeländischen Befragten erhielten Cannabis auf ärztliche Verschreibung. Im Zusammenhang mit der Einnahme von Cannabis wurden erhebliche Substitutionseffekte (> 50 % Reduktion) bei Konsumentinnen von Nichtopioid-Analgetika (63 %), Opioid-Analgetika (66 %), Hormontherapien (28 %), Antineuropathika (62 %), Antidepressiva (28 %) und Medikamenten gegen Angstzustände (48 %) beobachtet. Neben diesen Berichten über positive Effekte ist jedoch die hohe Zahl der Einnahmen ohne ärztliche Aufsicht besorgniserregend. Etwa 20 % der Befragten gaben an, dass sie ihre Ärztin bzw. ihren Arzt nicht über ihre Cannabiseinnahme informierten, da sie sich Sorgen über die rechtlichen Folgen, die gesellschaftliche Beurteilung oder die Reaktion der Ärztin oder des Arztes machten. Insbesondere im Hinblick auf Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten und das Absetzen oder Verringern bestimmter Medikamente ohne die ärztliche Aufsicht, wäre eine Verbesserung der Kommunikation zwischen Arzt und Patientin dringend ratsam.
Fazit
Die Diagnose der Endometriose gestaltet sich derzeit sehr schwierig. Häufig müssen Frauen jahrelang unter starken Schmerzen leiden, bis eine adäquate Therapie eingeleitet wird. Mit dem Wissen eines dysregulierten Endocannabinoidgehaltes im Endometriumgewebe oder im Blut der Betroffenen wäre es denkbar, einen geeigneten Biomarker zu etablieren, der es ermöglicht, eine schnellere und gesicherte Diagnose zu erstellen. Dazu sind weitere Studien über den Endocannabinoidgehalt bei Frauen, insbesondere im Zusammenhang mit Endometriose, zwingend notwendig. Nichtsdestotrotz liefern die bereits vorliegenden Studien und die Erfahrungen von medizinischen Cannabispatientinnen sehr vielversprechende Ergebnisse zum Nutzen von Cannabis bei der Behandlung von Endometriose. Das Potenzial von Cannabis die Symptome dieser Krankheit zu behandeln und die Lebensqualität der Betroffenen entscheidend zu verbessern, ist ziemlich offensichtlich.
Cannabis kann dabei als sinnvolle Ergänzung zu bestehenden Therapieoptionen bei Endometriose betrachtet werden, insbesondere zur Linderung chronischer Schmerzen. Die Cannabis-Therapie eröffnet Patientinnen eine neue Perspektive, um ihre Lebensqualität aus einem anderen Blickwinkel zu verbessern. Zudem liegt der aktuelle Fokus der medizinischen Forschung und Diskussion verstärkt auf der Entwicklung und Bewertung von Cannabis als Therapieoption bei Endometriose, was das wachsende Interesse an dieser ergänzenden Behandlung unterstreicht.
Quellen
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Cannabinoid Receptor Expression by Endometriotic Lesions in Women with
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Endometriosis: Clinical and Legal Challenges in Australia and New
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